2/2021
Das Museum als USEum
Das eigene Leben undgesellschaftliches Lebenbefragen und verstehen"
Brigitta Schmidt- Lauber, Leiterin desInstituts für Europäische Ethnologie derUniversität Wien, im Gespräch über ihr Fach,Kooperationen zwischen Uni und Museumund ein Schaufenster im Weinviertel
2009 bist du von Deutschland nachÖsterreich gekommen und leitest seitherdas Institut für Europäische Ethnologieder Universität Wien. Es war gewisserma-Ben ein Zurückkehren, denn du hast einigeJahre deiner Jugend in Wien verbracht,nachdem dein Vater einem Ruf als Pro-fessor der Uni Wien gefolgt war. Gab esdamals schon das Volkskundemuseum aufdeinem persönlichen Plan der Stadt?Natürlich kannte ich das Museum als histori-schen Bau, der Achte Bezirk war Teil meinesAktionsradius. Ein direkter Bezug zumMuseum ist allerdings erst später im Laufemeines Studiums entstanden. Museum undFach waren und sind in Wien wie anderswoauch eng verbunden. Die 1990er Jahremit der neu gestalteten Dauerausstellungwaren eine Aufbruchszeit, während derich näher in Kontakt kam. Das Museum wardurch das Engagement von Mitarbeiterin-nen und Mitarbeitern beider InstitutionenTeil universitärer Überlegungen und fürdie Europäische Ethnologie ein wichtigerKooperationspartner in der Stadt.
Wie hast du in der frühen Zeit dasMuseum wahrgenommen?
Ich kam aus Kiel, dessen Architektur undStadtbild in den 1960er und' 70er Jahrengeprägt wurde, nach Wien. Mit seinen
historischen Gebäudeensembles wirktedie Stadt geradezu sakral und oft ein-schüchternd. Auch das Volkskundemuseumhabe ich vor allem als ein barockes Palaiswahrgenommen. Es war kein Ort, der michals Jugendliche besonders angezogen hatteoder etwas Inspirierendes bot.
Heute beobachtest du die Stadt ausalltagskulturwissenschaftlicher Perspek-tive. Weshalb ist Wien ein interessanterForschungsgegenstand?
Ich beobachte das alltagskulturelle Lebendort, wo ich wohne. Und da bietet Wiensehr viel. Da ich Wien schon als Kind kannte,nehme ich auch die Veränderungen derStadt stark wahr. Ich verfolge sie aus einerhistorischen Perspektive, die für unser Fachzentral ist: Wann modernisierte sich dieStadt, wie entwickelten sich Szenen, wannkam eine Jugendkultur auf, wie entstehenProteste?
Was sind deine spezifischenForschungsinteressen?
Meine Forschungsinteressen entwickelnsich entlang der Orte, an denen ich gelebthabe: Hamburg, Göttingen, Wien. Oft sindes biographische Zusammenhänge undErfahrungen, die mich zu neuen Themenund Schwerpunkten bringen. Mein Interessean Rassismus als Alltagsdistinktionsmusterentstand zum Beispiel durch die Kom-bination meiner Studienfächer, die ihreeigenen fachlichen Perspektiven damalsintensiv kritisch hinterfragten und imZuge der Postcolonial Studies zunehmendMachtverhältnisse reflektierten. Mit Anfangzwanzig habe ich eine Forschungsreise nachNamibia unternommen. Die Erfahrungendort haben meine Sichtweisen auf unserFach und meine Methodenschwerpunktestark geprägt.
33