Heft 
H. 3+4
Einzelbild herunterladen
 

Giebelkasten ÖMV Nr. 34.079

In den oberen Hälften der Türen und der Giebelschubladen sindEreignisse, Episoden festgehalten: ein Doppeladler auf gelberFahne und ein Mann mit Hut, der aus einer Büchse feuert, einebetende Person, kniend vor einem Geistlichen, eine andere voreinem Wegkreuz, dazu eine als katholisch erkennbare Landschaftund immer wieder Vögel in allen Größen und Farben.

Die Kombination von gemalter Historie und Beschriftung lässtauf die letzten Tage des Jahres 1805 schließen. Am 26. Dezem-ber beendete der Frieden von Pressburg den Krieg zwischenFrankreich und Österreich. Das Habsburgerreich musste in FolgeGebiete abtreten, u.a. Tirol samt den Bistümern Brixen und Trientan das nunmehrige Königreich Bayern, Gebiete in Vorderöster-reich und in Italien, die nun dem neuen Königreich Italien zuge-sprochen wurden. 1806 erklärte der habsburgische Kaiser Franzdas ,, Heilige Römische Reich Deutscher Nation" für erloschenund legte dessen Krone nieder.

Die gemalten Kastenbilder erzählen vor dem Hintergrund poli-tischer Geschichte vor allem aber eines: individuelles Erleben.Sie vermitteln Zugehörigkeit, erzählen allem Anschein nach vonLoyalitäten und vom Verständnis eines positiven Endes( ,, PACE")einer für alle spürbaren Übergangssituation. Der Kasten war einpersönliches Objekt, vielleicht ein Lieblingsding vom Eigentü-mer mit Aufwand konzipiert, denn die aufgemalten Geschichtenerforderten Reflexion. Im Moment seiner Fertigstellung bzw. inseiner Funktion als Verwahrmöbel im halböffentlichen oder auchprivaten Raum wurde er zum Träger stimulierender Reize.

Über die weitere Objektbio-grafie" des Kastens ist wenigbekannt. Die Entwicklungenin Italien nahmen ihren Lauf,das Königreich unter der Herr-schaft Napoleons bestand bis1814 und Österreich gewannwieder zusehends an Einflussin Gebieten Norditaliens. DasMuseum, respektive MichaelHaberlandt, kaufte den Kastenanno 1914 von einem Händ-ler namens Raffin in Bruneckim Pustertal in einem Jahr,in welchem der Friede wiedergegen Krieg getauscht wurde.

-

Birgit Johler, Kuratorin amVolkskundemuseum

PS: Aktuell ist der Kasten analo-ges Gegenüber in der Ausstel-lung Freud's Dining Room.Möbel bewegen Erinnerung."

März- April 2016

45