Die Revolution
Der jahrzehntelange Widerstand gegen das kommunistische Regime trat im November 1989 in Prag und Bratislava offen hervor. Nach dem brutalen Polizeieinsatz gegen Studierende am 17. November in Prag füllten sich die Plätze binnen Tagen mit Zehntausenden: Kerzenlichter, Transparente und Rufe nach Freiheit prägten das Bild. Neue Bürger:innenbewegungen – das Bürgerforum (Občanské fórum, OF) in Tschechien und Öffentlichkeit gegen Gewalt (Verejnosť proti násiliu, VPN) in der Slowakei – erhoben ihre Stimmen und machten die Anliegen und Forderungen der Menschen hörbar (pos/68370/001).
Die friedlichen Proteste mündeten in Verhandlungen zwischen den zivilgesellschaftlichen Gruppen und der Regierung. Eine große Kundgebung am 1. Dezember 1989 und das Entfernen des Stacheldrahts an der Grenze zu Österreich markierten den Beginn einer neuen Zeit. Wenige Monate später fanden die ersten freien Wahlen statt und 1993 gingen daraus zwei unabhängige Staaten hervor: Tschechien und die Slowakei.
Aufgrund der engen historischen Verbindung mit Österreich und der Präsenz zahlreicher historischer Objekte aus diesen Regionen in den Sammlungen des Volkskundemuseum Wien, ist die politische Entwicklung der Nachbarländer auch heute von großer Bedeutung für unsere Arbeit. Die Veröffentlichung von Dokumenten und Bildern dieser Proteste ist nicht nur historisch relevant, sondern auch ein wichtiges Zeichen in Zeiten, in denen Demokratie gefährdet und neu herausgefordert ist.
Aufnahmen von Helena Bakaljarova in Bratislava
Bei der umfassenden Erschließung der Fotosammlung zwischen 2020 und 2023 wurden 161 bislang unbeachtete Aufnahmen der Samtenen Revolution entdeckt. 2022 archivgerecht versorgt, mussten sie zunächst aus Ressourcenmangel beiseitegelegt werden. Erst die vom damaligen Bundesministerium für Kunst, Kultur, Öffentlicher Dienst und Sport (BMKÖS) geförderte Digitalisierungsoffensive Kulturerbe digital (2023 bis 2025) machte ihre weitere Bearbeitung möglich.
Recherchen des Teams der Fotosammlung ergaben, dass 159 dieser Fotos zwischen dem 17. November und Dezember 1989 von der Fotografin Helena Bakaljarova in Bratislava aufgenommen wurden. Sie studierte damals am Ethnographischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften und Kunst und war bereits mit dem Österreichischen Museum für Volkskunde (heute Volkskundemuseum Wien) verbunden. Später arbeitete sie als Fotografin am Ethnographischen Museum in Kittsee, damalige Außenstelle des Österreichischen Museum für Volkskunde.
Ihre Aufnahmen zeigen die gewaltigen Menschenmengen in der Innenstadt von Bratislava. Einzel- und Gruppenporträts lassen die Atmosphäre jener Wochen lebendig werden und machen die Vielfalt der Protestierenden sichtbar: Studierende, vor allem der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (pos/68370/004), Arbeiter:innen (pos/68370/057), Kunstschaffende und Medienleute (pos/68370/008), ältere Menschen (pos/68370/029), Kinder (pos/68370/032) sowie Kolleg:innen des Ethnographischen Instituts (pos/68370/041).
Mit Hilfe von KI, Sprachassistenz und einer Native Speakerin konnten sämtliche Transparent- und Plakattexte transkribiert und übersetzt werden. Auffällig ist die große Kreativität der Demonstrierenden bei der Gestaltung ihrer Parolen: Gedichte, pointierte Sprüche und Karikaturen (ab pos/68370/111), häufig mit Anspielung auf den Prager Frühling 1968, wurden an unterschiedlichsten Orten platziert: in U-Bahn-Stationen (pos/68370/154), am Gerüst des Rundfunkgebäudes, auf Kartons im Park oder in Schaufenstern. Selbst eine „lebendige Straßenbahn“ zog mit ihren Transparenten durch die Straßen (pos/68370/020).
Die Fotos halten eindrucksvoll Mut, Entschlossenheit und Fantasie der Zivilgesellschaft fest – und die besondere Stimmung jener Wochen des Umbruchs.
Aufnahmen von Jakub Langhammer in Prag
Als das Team der Fotosammlung den Bestand erstmals sichtete, stachen zwei Fotos sofort heraus – sie waren die einzigen mit Beschriftungen auf der Rückseite: aufgenommen in Prag am 17. November 1989 von Jakub Langhammer (pos/68370/160–161). Nach gezielter Suche und erster Kontaktaufnahme entstand rasch ein lebendiger Austausch mit dem Fotografen – auch geprägt von der persönlichen Perspektive der Autorin Astrid Hammer, die den Umbruch 1989 in der DDR intensiv erlebte.
Jakub Langhammer (geb. 1969), heute Professor für Physikalische Geografie an der Karls-Universität Prag, war damals Student der naturwissenschaftlichen Fakultät und mit seiner Kamera mitten im Geschehen in Prag, aber auch in Dresden. Im April 2025 konnten wir ihn während eines Wien-Aufenthalts persönlich begrüßen und im längeren Gespräch Einblicke in seine Erinnerungen gewinnen. Dabei bestätigte er auch seine Urheberschaft.
Wie genau seine Bilder in die Sammlung gelangten, bleibt im Dunkeln. Vermutet wird jedoch eine Verbindung über seine Mutter, Jiřina Langhammer (geb. 1939), damalige Direktorin des Ethnographischen Museums Prag, möglicherweise im Zusammenhang mit einer Ausstellung in Kittsee um 1989.
Das Volkskundemuseum Wien dankt Helena Bakaljarova und Jakub Langhammer herzlich für ihre wertvollen Informationen, den freundlichen Besuch und die großzügige Schenkung ihrer Aufnahmen.
Katharina Zwerger-Peleska und Astrid Hammer
Sammlungsmanagement und Kuratorin Fotosammlung
16. Oktober 2025
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