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Heilige in Europa - Kult und Politik : [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 26. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011]
Entstehung
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beispielsweise die Statistik Austria bei der letzten Volks-zählung von 2001 fest, dass nur rund eine Million Staats-bürgerInnen ohne Bekenntnis" ist, während sich fastsechs Millionen als römisch- katholisch" bezeichnen.67Die Besuchszahlen des Sonntagsgottesdienstes gingenim 20. Jahrhundert wellenartig zurück, jedoch werdendie Dienstleistungen" 68 der Kirchen vor allem zur Ak-zentuierung der Übergangsriten bei Hochzeit, Geburtoder Tod gern und fast selbstverständlich weiterhin inAnspruch genommen. Mit dem Schlagwort Taufschein-christ" ging der Sachverhalt in die Alltagssprache ein. DiePrivatisierung von Religion ist jedoch nicht eigentlich dasThema dieses Aufsatzes, es geht vielmehr um das Gegen-teil, nämlich um die politische Dimension des Religiösen,die sich in Europa im letzten Drittel des 20. Jahrhundertsdurchaus auch noch finden lässt.

Ein kleines Beispiel hierfür ist der Einsatz von religiösenSymbolen und Riten( Kreuze, Bittgänge, Kreuzwege, An-dachten) im Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlagein Wackersdorf in den frühen 80er Jahren. Eine Kapellemit dem Bild des HI. Franziskus( im Katholizismus derBeschützer der Tiere und Pflanzen und somit der Um-welt) wurde nahe des Baugeländes aufgestellt und zumSammelpunkt für die AktivistInnen verschiedener bzw.auch ohne Konfessionen.69

Doch auch der Vatikan selbst war inzwischen, im Zugedes Zweiten Vatikanischen Konzils( 1962-1965), von derNotwendigkeit der Laizität, der Trennung von Staat undKirche, überzeugt und spricht von einer wesentlichen Autonomie der zivilen und politischen Sphäre gegenüberder religiösen und kirchlichen aber nicht gegenüberder moralischen Sphäre".70 Als die moralischen Werte,

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denen sich die Politik bzw. christliche PolitikerInnen zuverpflichten haben( wenn sie sich denn daran halten),werden gesehen: Schutz der Person und des Lebens( keineAbtreibung oder Euthanasie), Schutz und Förderung derFamilie( Ablehnung alternativer Modelle zur Vater- Mut-ter- Kinder- Familie), Schutz von Minderjährigen, Befrei-ung der Opfer von den modernen Formen der Sklaverei",nämlich Drogen und Prostitution, eine Wirtschaftsord-nung ,,, die im Dienst der Person und des Gemeinwohlssteht, Frieden( absolute Ablehnung von Gewalt und Ter-rorismus) und besonders hervorgehoben: das Recht aufReligionsfreiheit." Diese Werte werden jedoch nicht alsspeziell konfessionelle, sondern allgemein menschlich-logische bezeichnet, als natürliches Sittengesetz".72 Fastalle diese Werte stehen durchaus im Einklang mit denWerten der Aufklärung, obgleich dies auf ihre praktischeUmsetzung( z.B. Kondomverbot) nicht immer zutrifft.Das Jahr 1989 ging als das Jahr des großen Umbruchs,das Jahr der Wende ins kollektive Gedächtnis ein. Die po-litische Landkarte änderte sich radikal, gewohnte Denk-muster wurden auf den Kopf gestellt. Ost und West, Gutund Böse hörten für einen Moment auf zu existieren. Eswar das Jahr des und", 73 in dem nichts mehr klar geord-net oder getrennt war, und sich unzählige Möglichkeitenfür die Zukunft auftaten. Nach der ersten Euphorie wur-den Unsicherheit und Angst ein Motiv in den Diskursen,zusätzlich angeheizt durch die Globalisierungsdebatteund die Entuferung im digitalisierten Informationszeit-alter". Reale Probleme wie die Auslagerung von Produk-tionsbetrieben in sogenannte Billiglohnländer oder derschrankenlose Kapitalismus wurden vielfach als unaus-bleibbare Folgen der Moderne gesehen, reale Vorfälle wie

Kathrin Pallestrang