NOTIZEN UND REFLEXIONEN ZUR ARBEIT IM STUDIENPROJEKT
Studienprojekte wurden in der Volkskunde und ihren Nachfolgedisziplinen( Europäische Ethnologie, Empirische Kulturwissenschaft, Kulturanthropologie)in den 1970er Jahren an den Universitäten Tübingen und Frankfurt am Mainals Lehrveranstaltungsform entwickelt und in der Folge in die Studienpläneverschiedener Universitäten im deutschsprachigen Raum aufgenommen.Grundlegend für diese Lehrveranstaltungsform ist die Idee des„ ,, forschendenLernens": Studierende durchlaufen- unter Anleitung und Begleitung- sämtlicheStadien einer wissenschaftlichen Forschung, von der Eingrenzung des Themasund der Entwicklung einer Fragestellung über die Erhebung empirischen Materi-als und seiner Analyse bis hin zur abschließenden Präsentation der Ergebnissein einer der Öffentlichkeit zugänglichen Form, beispielsweise einer Publikationoder einer Ausstellung. Der konkrete Ablauf und die Arbeitsformen können sichvon Projekt zu Projekt sehr unterscheiden und hängen vor allem vom Thema undvom angestrebten Ziel des Projekts ab, in einem gewissen Ausmaß aber auchvon den Persönlichkeiten und Interessen der Teilnehmerinnen, Teilnehmer undder Lehrenden.
Der vorliegende Band ist das Ergebnis der Arbeit von fünfzehn Studierenden, diesich im Rahmen eines dreisemestrigen Studienprojekts am Institut für EuropäischeEthnologie der Universität Wien vom Frühling 2006 bis zum Herbst 2007 dieserintensiven Form des Studiums gewidmet haben. Geleitet wurde das Projekt vonMichaela Haibl und zusätzlich begleitet von mir als Tutorin.
Zu Beginn standen lediglich das Thema-„ Leben, Tod und Überleben imKonzentrationslager Dachau"- sowie das Ziel des Studienprojekts fest, nämlicheine Sonderausstellung in den Räumlichkeiten der KZ- Gedenkstätte Dachauim Herbst 2007. Ansonsten war noch alles offen. Das erste Semester waraufgrund dieser Rahmenbedingungen vor allem der Annäherung an das ThemaKonzentrationslager im Allgemeinen und an das Konzentrationslager Dachau imSpeziellen gewidmet. Die inhaltliche Auseinandersetzung erfolgte zunächst überdie Lektüre von wissenschaftlichen Texten sowie von Häftlingstagebüchern undliterarischen Berichten, ergänzt durch Referate der Studierenden zu ausgewähltenAspekten des Alltags im Konzentrationslager. Darüber hinaus wurden insgesamtdrei Tagesexkursionen innerhalb Österreichs unternommen: in die ehemalige,, Tötungsanstalt" Schloss Hartheim sowie in die KZ- Gedenkstätten Ebensee undMauthausen. Diese Exkursionen dienten einerseits der Vertiefung des allgemeinenWissens über das System der Konzentrationslager, andererseits aber auch derReflexion über den möglichen Umgang mit solchen Orten.
In einer fast einwöchigen Exkursion am Ende des Semesters näherten sichdie Studierenden schließlich dem ehemaligen Konzentrationslager Dachau alshistorischem Ort und der KZ- Gedenkstätte als gegenwärtigem Ort der geplantenAusstellung. Die Auseinandersetzung mit dem Gelände und der Dauerausstellungtrug dazu bei, das Wissen über das ehemalige Konzentrationslager Dachau zuerweitern. Besonders wichtig war aber auch die Beschäftigung mit dem aktuellenOrt des Gedenkens, der Erinnerung und der Vermittlung. Zudem beschäftigten sichdie Studierenden mit der Arbeit ,, hinter den Kulissen", vor allem im Archiv, in dem
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