1 Originaltitel:" Smrt na pocitnicah. Tragikomicnehalucinacije v oseki bivanja". Aus dem Slowenischenvon Sonja Wakounig. Klagenfurt 2001.
2 Boris Fakin( 1913-2004) wurde am 20.1.1944im Konzentrationslager Dachau als Zugang"registriert, am 11.10.1944 in das KonzentrationslagerSachsenhausen überführt.
2 Ebd., S. 134-138.
4 Ebd., S. 65.
5 USC Shoah- Foundation Institute an der SouthernUniversity California. Die Website listet über 50.00Zeitzeugeninterview( davon etwa 49.000 Gesprächemit Shoah- Überlebenden).
6 Jureit 1999, S. 43f.
7 Es sind die Bedeutungsspielräume des Erzähltenund Gesprochenen im Hinblick auf den Ort( vgl.Maurice Halbwachs: Das Kollektive Gedächtnis.Stuttgart 1967) und das Bewusstsein( vgl. AlbrechtLehmann: Erinnerte Landschaft. Veränderungendes Horizonts und narrative Bewusstseinsanalyse.In: Fabula 39( 1998), S. 291-301).
ZEIT RAUM BEZIEHUNG.
ZUR ERFORSCHUNG UND VERMITTLUNG VON BEZIEHUNGENIM KONZENTRATIONSLAGER
In seinem Roman„ Wenn der Tod Ferien macht. TragikomischeHalluzinationen während einer existenziellen Ebbe" richtet der slowenischeSchriftsteller Igor Torkar( Pseudonym für Boris Fakin) den Blick auf Sterbenund Tod. In rückgeblendeten Sequenzen erschließen sich Spuren derLebensbiographie des Autors, dessen alter Ego im Roman als betagter,gebrechlicher Schriftsteller Valentin sich selbst als Junge begegnet und imViehwaggon die Fahrt in das Konzentrationslager Dachau antritt. Igor Torkar,der Literat, geht aus der Gegenwart in seine Lebensgeschichte zurück-die Lebensgeschichte des Boris Fakin², der nochmals die Deportation unddie Ankunft im Konzentrationslager Dachau als Kommentator seines Kinder-Ichs imaginiert.³ Torkar findet literarische Bilder, um das Vergangene in dieGegenwart zu transponieren. Die Bilder der Vergangenheit überlagern jeneder Gegenwart und umgekehrt.
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Was in Torkars Roman als literarische Finesse verstanden werden mag, findetsich ähnlich in den Darstellungen und Erzählungen all jener ehemaligen KZ-Gefangenen, deren Zeugnisse diese Ausstellung ermöglicht haben. DasErinnern Torkars verweist in der Offenlegung der zeitlichen und räumlichenStrukturen einer Reise„ zurück" am konkreten Beispiel auf die seit einigenJahren in den Kulturwissenschaften intensiv diskutierten Fragen nachErinnern und Vergessen. Allerdings wird vor allem im Zusammenhang mit,, erzählten Quellen"- etwa den durch die Spielberg- Foundation erhobenenInterviews mit Shoah- Überlebenden, die in den Massenmedien gelobt, vonWissenschaftlern aber heftig kritisiert wurden o oft die Auskunft darübervermisst, auf welche Weise Informationen erfragt und erhalten werden.Umso mehr stellt sich die Frage, wie mit diesen Quellen umzugehen ist,inwiefern sie kontextualisiert werden oder überhaupt kontextualisierbar sind.Wenn Erinnern ein dynamischer, sich stets erneuernder und verändernderProzess ist, wirkt sich das auch auf den wissenschaftlichen Umgang mitbiografischen Zeugnissen aus.6 Und wie sehr biografisches Erinnern vonExtremsituationen wie der des Konzentrationslagers von der momentanenpersönlichen Lebenssituation und von der Interaktion zwischen denGesprächspartnern bestimmt ist, wurde während des Studienprojekts einekonkrete, direkte Erfahrung, die sich in der Ausstellung ebenso abbildet wiein den Beiträgen dieses Aufsatzbandes.
Ausgangspunkt für eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf dasKonzentrationslager ist das Wissen, dass auch, selbst wenn jene Formdes Alltäglichen aufgrund der steten Präsenz des Todes und der Frage desÜberlebens kaum etwas mit dem Alltagsleben in Freiheit und außerhalb desLagers gemein hatte, jener Alltag dennoch aus den inhaltlichen und zeitlichenStrukturen des Lebens draußen konstruiert war. In diesem ,, als ob" einesgeregelten ,, Arbeitsalltags" zeigt sich die von der nationalsozialistischenPropaganda als Erziehungsmaßnahme vermittelte- menschenverachtendePerfidie des nationalsozialistischen Terrorsystems.
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