GRUSSWORT
Mit dem Projekt„ ZEIT RAUM BEZIEHUNG. Menschen und Dinge imKonzentrationslager Dachau" betraten fünfzehn Studierende des Institutsfür Europäische Ethnologie an der Universität Wien zusammen mit ihrerProjektleiterin und einer Tutorin neues Terrain. Über einen Zeitraum von dreiStudiensemestern hinweg versuchten sie, sich mit den Instrumentarien ihresFachgebietes dem Leben und Sterben der Häftlinge im KonzentrationslagerDachau anzunähern und dabei Ausdrucksformen zu finden, mit deren Hilfedem heutigen Betrachter einzelne Aspekte der KZ- Realität sichtbar gemachtwerden können. Nach intensiver Auseinandersetzung mit der Geschichtedes Lagers und dem Schicksal seiner Opfer sowie den Möglichkeitender Darstellung und Vermittlung, wie sie an der KZ- Gedenkstätte Dachauangeboten werden, entwickelten sie in ausführlichen, kontinuierlichenDiskussionen ein Konzept für eine Ausstellung und einen Begleitband.Mit Hilfe dieser beiden Medien werden in acht Themenkreisen Fragennach Beziehungen im Konzentrationslager Dachau, sowohl zwischenden Gefangenen wie auch zwischen Häftlingen und Dingen, beleuchtet.Im Laufe dieses Arbeitsprozesses gerieten auch die Auswirkungen derVerfolgungsgeschichte auf das Leben der Angehörigen der Opfer zuneh-mend ins Blickfeld.
Neben der Sammlung von Informationen, Dokumenten und Artefakten, die inder Gedenkstätte Dachau zur Verfügung standen, erwies sich die Stadt Wienals idealer Ausgangsort, um persönliche Verbindungen zu österreichischenKZ- Überlebenden sowie zu Angehörigen und Nachkommen zu knüpfen.In ausführlichen Gesprächen konnten die Studierenden ihre Anfragenformulieren. Sie stießen bei ihren Gesprächspartnern auf ein überraschendpositives Echo und konnten auf der Grundlage der aufgezeichnetenInterviews ihre Überlegungen konkretisieren und die Aussagen für dasProjekt nutzbar machen. Die sehr unterschiedlichen und vielschichtigenErinnerungen und Einschätzungen von KZ- Überlebenden, Angehörigen undNachkommen der zweiten und dritten Generation präsentieren Facetten derErinnerungslandschaft, die sowohl das damalige Geschehen berühren wiedie bis heute spürbaren Belastungen und Verletzungen.
Nach meiner Einschätzung sind diese Stimmen, die nahezu siebenJahrzehnte nach der Verschleppung der ersten österreichischenGefangenen ins Konzentrationslager Dachau festgehalten werden konnten,der bedeutsamste Aspekt dieses Studienprojektes. Mit ihrer Hilfe und mitden vor allem für die Ausstellung wichtigen„ Dingen", deren Bedeutungfür die Erinnerung beleuchtet wird, wird ein neuer, ungewohnter Blick aufdas Thema ,, KZ- Kosmos" vorgestellt. Er bereichert die Bemühungen derGedenkstätte Dachau, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren und dieVielschichtigkeit ihrer individuellen Verfolgungsgeschichte zu erforschenund weiterzugeben.
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Barbara Distel