Druckschrift 
Zeit Raum Beziehung : Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau ; Essayband zur Ausstellung von Studierenden der europäischen Ethnologie (Universität Wien) in der KZ-Gedenkstätte Dachau ; KZ-Gedenkstätte Dachau, 7. November 2007 bis 27. Januar 2008
Entstehung
Wien [2007]
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Kirner gelangte zu dieser Schüssel in seinem Heimatort Iffeldorf, wo in denletzten Tagen vor der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau die vondort abgefahrenen Deportationszüge nach Süden stehen blieben. HerwarthKirner schildert die Situation, die er als Vierzehnjähriger erlebte, wie folgt:,, Wir, meine Eltern, meine Schwester und ich, hatten am letzten Kriegstag, jazur letzten Kriegsstunde, unser Haus und unser Hab und Gut durch Beschußverloren. Beim Nachbarn fanden wir Unterschlupf in einer Dachkammer.Einige Tage später bemerkte ich einen schmächtigen Jungen in gestreifterSträflingskleidung in unserem Hausgarten. Im Näherkommen sah ich, wie erSteckzwiebeln herauszog und in eine Blechschüssel warf. Der Junge warmir körperlich unterlegen und allein. Ich sagte zu ihm in harschem Tonfall,er solle das lassen, die Zwiebeln müssten doch erst wachsen. Meine Mutterhatte sie wenige Tage vorher gesetzt. Er nahm keine Notiz davon, sondernmachte ungeniert weiter. Da drohte ich ihm Schläge an, was ihn veranlasste,aufzublicken und mich anzuschauen. Ich sah in ein Gesicht mit unsäglichtraurigen Augen und mit klangloser Stimme sagte er zu mir:, Ich fünf JahreKZ, ich viel Schläge. Er zog noch einige Stecklinge heraus, schob siein die Jackentasche, drehte sich um und ging weg. Die Reaktion meinesGegenübers auf meine Drohung versetzte mich in Sprach- und Ratlosigkeit.Die Schüssel, mit einigen Zwiebeln darin, hatte er zurückgelassen. Ichsteckte diese wieder in die Erde und legte die Schüssel in den Hühnerstall.Da bemerkte ich, daß auf der Unterseite ein Schachbrett eingeritzt war. Sokam die Schüssel in unseren Hühnerstall und wir benutzten diese noch langeZeit als Behältnis für Hühnerfutter. Dies ist die Geschichte von dem Jungenmit der Blechschüssel. Sie war meine erste Lektion in Sachen KZ.[...]" 10

Als Relikt jener Zeit verweist die Schüssel auf mindestens drei Personen,die sie sich zu eigen gemacht hatten, und setzt zwei dieser Personen indirekte Beziehung zueinander. Am deutlichsten verweist die Schüssel in ihrerMaterialität auf ihren ursprünglichen Benutzer, denn dieser hat sichtbareSpuren hinterlassen, die noch heute von seinem Aneignungsprozesszeugen. Es dürfte sich dabei um eine intensive Mensch- Ding- Beziehunggehandelt haben, denn in ihrer doppelten Funktion als Nahrungsspeicherund Schachbrett war die Schüssel im Kontext des Konzentrationslagerssowohl auf einer physischen als auch auf einer psychischen Ebene für dasÜberleben des Häftlings von Bedeutung.

,, Als Andenken auf Deine Herzensgute und gemeinsame Leid❝11- ein Zigarettenetui

Ein weiteres Objekt, das im Archiv der KZ- Gedenkstätte Dachau aufbewahrtwird, ist, neben zahlreichen anderen Exemplaren ein Zigarettenetui, dasder polnische Gefangene Alexander Zamoyski dem Mitgefangenen MichaelHöck, einem deutschen Geistlichen, zum Geschenk gemacht hat. DiesesEtui aus Obstbaumholz wurde bereits als Erinnerungsgeschenk hergestellt:Der Deckel trägt als Dekor eine Intarsie in Form des roten Häftlingswinkels,über dem die Häftlingsnummer ,, 26678" von Michael Höck eingelegt wurde.Auf der Deckelinnenseite findet sich eine handschriftliche Widmung:, AlsAndenken auf Deine Herzensgute und gemeinsame Leid von Deinemdankbaren Al. Zamoyski- K.L. Dachau März 1944".

10 Kirner, DaA Bericht zur Blechschüssel.

11 Handschriftliche Widmung auf der Innenseite desZigarettenetuis. DaA, Inv. Nr. 36.600, O 498.

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