1 Habermas 1999, S. 197.
2 Der Begriff ,, Ding" umfasst alle materiellen Gegenstände.
Ein Ding wird zu einem ,, Objekt", wenn es von Subjektenmit Bedeutung aufgeladen wird.
3 Hauser 1994, S. 25.
4 Braun 2002, S. 135.
5 Ebd.
6 Das Lesen von Dingen ist immer ein Akt derRekonstruktion, der von der Gegenwart ausgeht undohne Kontextinformationen zu Fehlinterpretationenführen kann: ,, Durch die zeitliche Distanz entsteht beiheutigen Betrachtern[...] unter Umständen ein ganzanderer Eindruck als der, der ursprünglich intendiertwar." Ebd., S. 134.
,, So hab ich die Mundharmonika zweimal verloren,aber das zweite Mal war ich sehr froh darüber."
MENSCH- DING- BEZIEHUNGEN IM KONZENTRATIONSLAGER
,, Die Haltbarkeit von Objekten impliziert eine[...] konservative Funktion,nämlich die, Mitteilungen über die Zeit hinweg zu machen[...]." 1
Dinge können Menschenleben überdauern nicht nur weltbekannteMonumente, sondern auch alltägliche Gegenstände wie eine Essschüsseloder ein Zigarettenetui. Für die Kulturwissenschaften, in denen der Blickauch auf das Alltägliche gerichtet wird, sind gerade solche Dinge des Alltagsinteressante Untersuchungs ,, objekte" 2: Als Relikte ihrer Zeit können sie heutenoch Geschichten erzählen vom Schicksal der Menschen, die mit ihnenumgegangen sind, und von den Beziehungen dieser Menschen zueinander,denn auch Beziehungen können sich in einem Objekt konkretisieren.„ MitDingen setzt sich der Mensch in Beziehung zu sich selbst und zu seinenMitmenschen"- und in dem so entstehenden Beziehungsgeflecht vonObjekten und Subjekten wollen wir im Folgenden einige Schnittstellenbetrachten, die damit jeweils verbundenen individuellen Geschichtenerzählen und auf diese Weise einige Schlaglichter auf den Lageralltag unddas Lebens der Gefangenen werfen.
Aus heutiger Sicht sind alle Objekte aus dem ehemaligen KonzentrationslagerDachau zuallererst Erinnerungsstücke. Für die damals Inhaftierten aberwaren sie mehr: Zum einen Gebrauchsgegenstände von rein praktischerFunktion, zum anderen aber auch Träger von symbolischen Bedeutungen- Bedeutungen, die sehr unterschiedlicher Natur sein konnten,„, denn derBesitzer des Objekts vollzieht die Sinnbesetzung der Dinge vor seinempersönlichen Hintergrund".4 Ein Objekt kann so die Funktion eines,, persönliche[ n] Zeichen[ s]" 5 erfüllen, und manchmal zeugen sichtbareGe- und Verbrauchsspuren von einer individuellen Aneignung und von derbesonderen Beziehung, die sein Besitzer zu ihm entwickelt hat. Diese äußerenZeichen können solchen individualisierten Objekten im Nachhinein einebesondere Lesbarkeit verleihen, unter Umständen Aufschluss über die mitihnen in Verbindung stehenden Personen geben und darüber hinaus, wennman die Geschichten dazu kennt, manche Aspekte zwischenmenschlicherBeziehungen verdeutlichen.
In den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus nahmen Objekteeinen besonderen Stellenwert ein. Den Menschen wurden nach derDeportation im Lager Kleidung und persönlicher Besitz genommen, es waruntersagt, persönliche Dinge zu besitzen. Trotz dieses Verbots sind Sachenangefertigt, Gebrauchsgegenstände individuell angeeignet oder Dingeins Lager geschmuggelt worden. Aufgrund des Mangels an individuellenGegenständen hatten diese hohe Bedeutung für die Häftlinge und wurdenoft unter schwierigen Umständen versteckt gehalten.
Von diesen Dingen aus dem Konzentrationslager Dachau sind heute, ver-glichen mit der Masse an Gefangenen, nur wenige erhalten. Die Schwierigkeit
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