Porzellanfigur, Geschenk an Karl Bauer imKonzentrationslager Dachau 1947 weitergegebenan die Tochter Inge Schlögl.
Bauer KartDachau 1941-45
Basisplatte der Porzellanfigur, die vermutlich imAußenkommando Porzellanmanufaktur in Allachheimlich angefertigt wurde.
15 Interview Ilse Schlögl 27.03.2007, Transkript, S. 6.16 Ebd., S. 2.
17 Ebd., S. 5.
18 Habermas 1999, S. 284.
Bedeutungsverschiebung in der Funktion des ehemaligen Gebrauchsobjektswird dennoch ersichtlich. Auch wenn von Iwan Golowan selbst keineAussagen vorliegen, wird aus einem eigentlich anonymen Gegenstand desLageralltags durch die von Gedenkstätten- MitarbeiterInnen erinnerte underzählte Handlung Golowans ein äußerst individueller Gegenstand, der eineGeschichte über die Beziehung eines Überlebenden zu seiner ehemaligenHäftlingskleidung und seiner KZ- Haft erzählt und in diesem Fall auch für dasAbschließen mit einem Stück Vergangenheit steht.
Die Porzellanfigur
,, Wieviel bist du wert? Es ist unbenennbar." 15- sagt die heute 75jährige IngeSchlögl im Gespräch gleichsam an die Porzellanfigur gewandt, die sie vonihrem Stiefvater Karl Bauer geschenkt bekam, als sie vierzehn Jahre alt war.Bevor sie uns das Objekt überreicht, küsst sie es. Es wird deutlich, wie sehrsie dieses Andenken schätzt und wie viel sie mit ihm verbindet. Die Figurzeigt so erzählt sieeinen pfeifenden russischen Jungen in zu großenHosen und wurde von einem polnischen Künstler im KonzentrationslagerDachau angefertigt. Die Materialität verweist darauf, dass die Figur in derPorzellanmanufaktur Allach hergestellt worden ist. Da sie jedoch geschnittenwurde und nicht gegossen, wie andere Gegenstände aus der Manufaktur,muss sie heimlich hergestellt worden sein. Im Konzentrationslager gelangtedie Figur als Geschenk in den Besitz von Karl Bauer, einem Spanienkämpfer.Dieser nahm die Figur nach der Befreiung mit nach Hause und schenkte sieInge Schlögl im Jahr 1947.
Karl Bauer verschenkte also vergleichsweise früh seine„, Souvenirs" aus derZeit im Konzentrationslager. Den Begriff ,, Souvenir" verwendet Ilse Schlöglnicht, stattdessen spricht sie von einem„, Andenken": Der polnische Künstlerhabe diese Figur geformt ,,, sozusagen als Andenken[...], dass es dort soeinen Bub gegeben hat. Und das hat er verschenkt" 16. An den Moment derÜbergabe an sie kann sie sich heute nicht mehr genau erinnern, aber sieweiẞ ,,, es war kein Geburtstag, es war kein besonderer Anlass. Sondern nurdie Verbundenheit zwischen uns zwei." 17 Inge Schlögl deutet hier bereits an,wofür die Porzellanfigur in erster Linie steht: für ihre Beziehung zu Karl Bauer,die von langen Gesprächen, politischen Diskussionen und einer großenVertrautheit geprägt war. Die Porzellanfigur fungiert hier auch als Stellvertretereiner verstorbenen Person im Hier und Jetzt, wobei nicht nur der abwesendeAndere ,,, sondern eigentlich auch die Verbindung beziehungsweise dasZusammensein von Besitzer und Anderem" 18 symbolisiert wird. Die Bedeu-tung verändert sich auch bei diesem Objekt und verstärkt sich im Laufe derZeit. Auch wenn Ilse Schlögl schon damals, als sie die Figur erhielt, sichgeehrt gefühlt und gefreut hat, gewinnt diese gerade auch in den letztenJahren an Bedeutung. Und während sie andere Hinterlassenschaften von KarlBauer im Rahmen ihres Umzuges in ein Pensionistenwohnheim an ihre Kinderweiterschenkt, bleibt die Porzellanfigur bis zuletzt in ihrer Vitrine und erhältso einen rational nicht erklärbaren höheren Stellenwert im Vergleich zu denanderen geschenkten Objekten. Das liegt möglicherweise an der ,, doppeltenAufmerksamkeit“, mit der es gewissermaßen„, geladen" ist- als Objekt, daszunächst im Lager von einem Häftling einem anderen und viele Jahre spätervon diesem wiederum seiner Stieftochter geschenkt worden ist.
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