Druckschrift 
Zeit Raum Beziehung : Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau ; Essayband zur Ausstellung von Studierenden der europäischen Ethnologie (Universität Wien) in der KZ-Gedenkstätte Dachau ; KZ-Gedenkstätte Dachau, 7. November 2007 bis 27. Januar 2008
Entstehung
Wien [2007]
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8 Ebd. S. 12.

9 Habermas 1999, S. 269.

10 Ebd. S. 268.

11 Da Iwan Golowan ohne Vorankündigung dieGedenkstätte besuchte, war zu der Zeit keinDolmetscher anwesend.

12 E- mail vom 30. 05. 2007 von Dirk Riedel.

auf die Hose hab ich keinen Wert gelegt". Und erst Jahre später zeigt sich,welcher Gegenstand als ein solches Erinnerungsobjekt weiter, funktioniert:Als für eine Ausstellung 1988 in Wien eine- wie Hackl betont- ,, typische"KZ- Häftlingsjacke gesucht wird, stellt er nach Abtrennen des Winkels seineJacke zur Verfügung. Sie verliert offenbar mit dem Abnehmen des Winkelsihre Wichtigkeit und wird austauschbar: Die Jackn hat mir überhaupt nichtleid getan. Ob ich's zu Haus hängen hab oder ob sie da hängen tut, ineiner Ausstellung[...]. Ich weiß gar nicht, ob sie's mir zurückgeben wollten.Vielleicht wollten's mir's sogar zurückgeben. Ich hab gesagt, ich brauch'snicht." Der Gegenstand, der für Ferdinand Hackl besondere Bedeutungerlangt, ist der verbliebene Winkel. Ihn nimmt er von seiner Jacke und bewahrtihn weiterhin in einer Schachtel mit verschiedenen Abzeichen für sich auf.Der Gegenstand wird zu einem symbolischen Objekt: ,, Symbolische Objektewerden also nicht[...] praktisch genutzt, sondern sind an einer bestimmtenStelle deponiert" 9 und dienen ,, im Vergleich zu sprachlichen Dokumentenauf eine stillschweigendere Weise der Erinnerung".10

Bis Ferdinand Hackl den Metallwinkel für unsere Ausstellung aus der Handgibt, bleibt das Erinnerungsobjekt über Jahrzehnte hinweg in der Schachtelverwahrt und wird nur selten herausgenommen, um Interessierten gezeigtzu werden. Der Winkel hat demnach in erster Linie keine repräsentativeFunktion, sondern vielmehr eine persönliche Bedeutung.

Das Häftlingsgewand

Ferdinand Hackl hatte sich relativ bald nach der Befreiung von seinerHäftlingskleidung getrennt. Anders ist Iwan Golowan mit dem Häftlings-gewand umgegangen, das er während seiner Zeit im KonzentrationslagerDachau im April 1945 trug. Der aus der Ukraine stammende Zeitzeuge undDachau- Überlebende besuchte im Sommer 1998 gemeinsam mit seinemSohn die Gedenkstätte und besichtigte das Gelände- bekleidet mit seinemHäftlingsgewand von damals. Es ist eine Praxis, die sich an Gedenkstätten,besonders zu offiziellen Gedenkveranstaltungen in den 1970er und 1980erJahren beobachten ließ: Die Überlebenden kennzeichneten sich als solchedurch das Tragen der ehemaligen- manchmal auch frisch rekonstruierten,neu gewählten- Kleidung. Begleitet wurde Iwan Golowan dabei voneinem Mitarbeiter der Gedenkstätte, Dirk Riedel, dem diese Begegnungeindrücklich in Erinnerung geblieben ist: Stark gestikulierend und aufrussisch versuchte er mir Erlebnisse aus seiner KZ- Haft zu schildern;während wir über den Appellplatz gingen, rief er dann auf deutsch, Mützenab!', wie es die SS den KZ- Häftlingen während der Zählappelle befohlenhatte." 12 Nach dem Rundgang zog Iwan Golowan seine Häftlingskleidung beimAusgang des Gedenkstättengeländes aus und entsorgte sie in einer der dortstehenden Mülltonnen. Die Kleidung bestand aus einer Häftlingshose, einerHäftlingsjacke, versehen mit verschiedenen Abzeichen aus der Sowjetzeitund einer Mütze, die darauf verweist deren Materialität- erst nach derLagerzeit angefertigt wurde. Was Iwan Golowan wegwirft, öffnet mehrereZeitebenen. Die Häftlingskleidung stammt direkt aus der Zeit des Lagers.Die Mütze und die Abzeichen stellen jedoch Erinnerungsobjekte der Zeitnach 1945 dar. Darin zeigt sich, wie der subjektive Prozess der Erinnerung

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