Druckschrift 
Zeit Raum Beziehung : Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau ; Essayband zur Ausstellung von Studierenden der europäischen Ethnologie (Universität Wien) in der KZ-Gedenkstätte Dachau ; KZ-Gedenkstätte Dachau, 7. November 2007 bis 27. Januar 2008
Entstehung
Wien [2007]
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1 Die Häftlingswinkel wurden zur Kennzeichnungder verschiedenen Häftlingsgruppen im KZ- Lager-System verwendet- der rote Winkel musste von denals ,, politisch" eingeordneten Gefangenen getragenwerden.

2 Die Häftlingsjacke ohne Abzeichen befindet sich imDÖW, Inventarnummer 776.

3 Interview Ferdinand Hackl, 30.5.2007.

,, Die Jacke mit dem Winkel hab' ich mir aufgehobenals Souvenir."

VOM UMGANG MIT ERINNERUNGSOBJEKTEN AUS

DEM KONZENTRATIONSLAGER DACHAU

In einem Café in der Wiener Innenstadt ganz in der Nähe desDokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands treffen wirFerdinand Hackl. Er sitzt uns mit einer Tasse Tee gegenüber und erzählt inruhiger Art, wie es dazu kam, dass er den roten Winkel aus Metall so langeaufbewahrt hat. Ferdinand Hackl ist ein heute 89jähriger Überlebenderdes Konzentrationslagers Dachau und lässt uns an seinen detailgenauenErinnerungen an die Zeit im Lager und danach teilhaben. Eine Wochezuvor hat er uns seinen Häftlingswinkel in einer hellgelben Papiermappe,zusammen mit zahlreichen anderen Dokumenten, überreicht. Obwohl ernicht so sehr für das Aufheben von Sachen sei, hat er den roten Winkel biszu dem Tag aufgehoben, an dem er uns das Stück für die Ausstellung zurVerfügung stellte. Ferdinand Hackl verwahrte das metallene rote Dreieck,das er während seiner Zeit im Konzentrationslager als politischer Häftlingtragen musste, in einer Schachtel mit verschiedenen Abzeichen. Von derHäftlingsjacke, an die der Winkel ursprünglich angenäht war, hatte sich derehemalige Spanienkämpfer bereits Jahrzehnte zuvor getrennt, als für eineAusstellung in Wien ein solches Kleidungsstück gesucht wurde. 2 Auch wennHackl angibt, dass es ihm heute nicht schwer falle, den Winkel herzugeben,wird im Gespräch doch deutlich, dass es sich dabei um einen Gegenstandvon besonderer Bedeutung für ihn handelt.

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Ferdinand Hackl hat seine Häftlingsjacke mit dem aufgenähten Winkel nachder Befreiung als Souvenir", wie er es selbst benennt, mit nach Hausegenommen. Der Ausdruck mag befremden steht er doch gewöhnlich inVerbindung mit positiven Erinnerungen, beispielsweise an einen Urlaubsort,und nicht im Zusammenhang mit der Erinnerung an einen grausamen Alltagim Konzentrationslager. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen abergerade Objekte in ihrer Ambivalenz- und eben diese Ambivalenz wird durchden Gebrauch des Begriffs ,, Souvenir" deutlich.

Für die Darstellung der jeweils individuellen Beziehung zwischen einemGegenstand aus dem Konzentrationslager Dachau und dessen Besitzerhaben wir drei Gegenstände ausgewählt, die bei genauerer Betrachtung fürunterschiedliche Qualitäten solcher Beziehungen stehen: der Häftlingswinkelvon Ferdinand Hackl, das Häftlingsgewand von Iwan Golowan und einePorzellanfigur, die Karl Bauer nach der Befreiung seiner Stieftochtergeschenkt hat. Diese Objekte interessieren uns nicht vorrangig als Zeugnissehistorischer Tatsachen, sondern als Träger und Hinweis auf jene einzigartigenBeziehungen zu den Dingen aus dem Konzentrationslager. Die Bedeutung,die den oft alltäglich verwendeten Gegenständen während der Zeit im Lagerzugekommen war, änderte sich nach der Befreiung ihrer Besitzer: Objekteeines vergangenen Alltags werden auf jeweils spezifische und durchausindividuelle- Art und Weise zu Objekten der Erinnerung und erhalten so eine

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