Druckschrift 
Zeit Raum Beziehung : Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau ; Essayband zur Ausstellung von Studierenden der europäischen Ethnologie (Universität Wien) in der KZ-Gedenkstätte Dachau ; KZ-Gedenkstätte Dachau, 7. November 2007 bis 27. Januar 2008
Entstehung
Wien [2007]
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René Berger auf dem Arm seines GroßvatersFerdinand Berger. Wien 1972.

20 Bošković- Stulli 1995, S. 55.

21 Vgl. Interview René Berger, 31.05.2007( SabinaMuriale und Daniela Schadauer), Transkript, S.1.22 Interview René Berger, 31.05.2007( SabinaMuriale und Daniela Schadauer), Transkript, S. 3f.

sprechen von ihrem Lebensstandort Wien aus über das KonzentrationslagerDachau, wodurch es im Erinnern zu einer Überschreitung der Grenzenzwischen zwei Welten[ kommt]: jene, in der man erzählt, und die jenige,über die erzählt wird." 20

Aufgrund des unterschiedlichen Alters und der unterschiedlichenLebenssituationen der befragten Personen war jedes Gespräch anders:Emotionale Gesprächssituationen wechselten mit solchen, in denen nüch-tern auf die Fragen reagiert wurde, abhängig davon, wie nah die jeweiligePerson das Thema an sich herankommen ließ. So betonte René Bergerim Gespräch, dass es für seinen Großvater auch eine Realität abseitsder Erfahrungen im Konzentrationslager gab- für ihn war es wichtighervorzuheben, dass diese Erlebnisse nur zu einem geringen Teil denCharakter des Großvaters geprägt haben: Der Familienalltag, so Bergerrückblickend, hätte mit dem Leben eines ehemaligen Inhaftierten desKonzentrationslagers nur bedingt zu tun, und auch der Alltag der FamilieBerger unterschied sich so nicht wesentlich von dem anderer Familien. 21

Der unterschiedliche, subjektive Zugang unserer Gewährsleute zu ihrenErinnerungen an das von ihren Verwandten aus dem KonzentrationslagerErzählte ist insofern von Bedeutung, als damit jeweils auch indirekteInformationen über die Beziehung zu der verstorbenen Person angedeutetwerden. Somit zeigte sich immer wieder von neuem, wie sehr unsereGesprächspartner ihre Erzählungen aus den eigenen räumlichen, zeitlichenund kulturellen Kontexten formulierten und interpretierten.

Geschichten aus zweiter Hand"

In den Gesprächen über das Erinnern von Verwandten und deren Geschichteim Konzentrationslager wurde nicht nur erzählt. René Berger etwa las einenBrief vor, den er anlässlich der Geburt seiner ersten Tochter an diesegeschrieben hat und der einen Einblick in die Geschichte der Familiegewährte: ,, Woher wir kommen. Eins vorweg, du stammst von einem Gutteilvon Kämpfern ab, die nur selten den leichtesten Weg gewählt haben. Hiereine Kurzfassung was mir alles zu den Eltern, Großeltern und Dir einfällt.[...]Als ich zur Welt gekommen bin, war er[ Ferdinand Berger] der perfekte Opa.Ich hab sehr viel Zeit mit ihm und Oma Poldi verbracht.[...] Ich habe meinenGroßvater gern und habe eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Dass ereher ein pessimistischer und aufbrausender Charakter ist, den die Erlebnisseim Krieg stark geprägt haben, ist klar. Aber er ist ein toller Kerl." 22

Die Quellen des aktiven Erinnerns sind vielseitig, es kann durch Fragen,Schriftstücke oder auch durch visuelle Dokumente und biografischeObjekte angestoßen werden. So wurde etwa im Rahmen der Gesprächegebeten, Familienbilder auszuwählen, auf denen die Beziehung zu denÜberlebenden für sie besonders ersichtlich wären. Einen weiteren Zugangzum Familiengedächtnis stellte die Frage nach persönlichen Gegenständendar, die die Interviewten mit den Verstorbenen in Erinnerung bringen. Einesder dabei ausgewählten Bilder ist ein Selbstportrait von Bruno Furch, dasdieser heimlich in der Bücherei des Konzentrationslagers gemalt hat.

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