9 Hauser 1994, S. 19.
10 Vgl. Gert Selle: Siebensachen. Ein Buch über dieDinge. Frankfurt am Main 1997, S. 135f.
11 Aspekte der Semiotik, vor allem im Bereich desObjektbezugs( Charles Sanders Peirce) wurden hierberücksichtigt.
12 Vgl. Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführungin soziale Formen der Gegenseitigkeit Wiesbaden:Westdeutscher, 2002.
13 Den uns geläufigen Freundschaftskonzeptenähnlicher waren Beziehungen in Frauenkon-zentrationslagern wie Ravensbrück, oder inAußenlagern, in denen Frauen festgehalten wurden,so auch in Neuengamme( Hans Ellger, Zwangsarbeitund weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichteder Frauenaußenlager des KonzentrationslagersNeuengamme 1944/45. Berlin 2007) undKaufering.
Formen von Beziehungen ebenso zu berücksichtigen wie die vielfachenBedeutungsebenen, auf denen Beziehungen untersucht werden können. ,, InBeziehung stehen" bedeutet nicht nur leben, sondern auch kommunizieren,sodass die Auseinandersetzung mit Beziehungen im Lager stets auch dieFrage nach den Möglichkeiten und Zwängen der Kommunikation- innerhalbdes Lagers, nach draußen, der einzelnen Häftlingsgruppen untereinander,zur Lager- SS etc.- enthält.
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In der kommunikativen Bedingtheit von Beziehungen liegt auch derendynamisches Potenzial, das es oft erschwert, Beziehungsprozessezu verbalisieren. Mit dieser Problematik konfrontiert, ergaben sichZugangsmöglichkeiten zum Thema anhand von Objekten aus demKonzentrationslager, die sich im Archiv der KZ- Gedenkstätte oder imPrivatbesitz von ehemaligen Häftlingen und deren Nachkommen befanden.Das Wissen um ,, Sachen", um die Materialität der Dinge, deren Funktionenund Bedeutungen Basiskompetenzen unseres Faches gewährleistetden wissenschaftlichen Zugang zu den historischen Objekten aus demKonzentrationslager. In ,, alltäglichen Gegenständen" nämlich objektiviert sichnicht nur Gesellschaft, 9 aus dem individuellen Gebrauch von Dingen könnenauch deren Kontexte und Geschichten kenntlich werden. Alltagsgegenständeaus dem Konzentrationslager Dachau, die neben den Objekten, die unterbesonderen Voraussetzungen im Lager entstanden waren, auch untersuchtwurden, erwiesen sich im analysierenden Blick keinesfalls als„ ,, alltäglich".Das liegt an deren Aneignungs- und Erfahrungsgeschichten. 10 Das Wissenum das Konzentrationslager als Herkunftsort befrachtet diese Gegenständemit symbolischen Bedeutungen. Um so wichtiger war es, die Dinge inihren Verbindungen zu den Menschen, die sie herstellten, eintauschten,besaßen oder geschenkt bekamen, herauszuarbeiten. Und indem die Dingezu den Menschen in Bezug gesetzt werden konnten, begannen sie in derGegenstandserfahrung weitere Bedeutungen zu enthüllen."
Beziehungen, die zwischen den Menschen, zwischen Menschen undDingen in oder aus dem Konzentrationslager bestanden, waren häufig aufdas Prinzip der Reziprozität hin ausgelegt.12 Es ging um Rituale des Gebensund Nehmens, gewohnte Muster, die in Freiheit galten und funktionierten,im Lager aber unter der Macht der SS unausweichlich und offen die Fragenach dem Überleben konnotierten. So sind gängige Vorstellungen, dassFreundschaften im Sinne der romantischen Ideen des 19. Jahrhundertsin Männerlagern wie Dachau oder Sachsenhausen einen Raum gehabthaben könnten, obsolet. 13 Die Konkurrenz der Gefangenen untereinander,von der die Überlebenden- manchmal in einer Mischung von Scham undWut berichten, kann eben nicht aus der ,, Normalsituation" eines Lebens indemokratischer Freiheit heraus betrachtet werden. Somit war es für diesesProjekt wichtig, auch über eine zweite Form der Reziprozität nachzudenken,nämlich jener innerhalb des Forschungsprozesses. Der Blick aus demgegenwärtigen, als alltäglich begriffenen Alltag, auf jene fremde Welt der KZ-Alltage, die im Terrorsystem des Lagers den Gefangenen von Lagerleitungund SS aufgezwungen worden waren, musste in der wissenschaftlichenReflexion korrigiert werden. Zudem war es unabdingbar, im Blick auf kulturelle
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