Die weißen Teller mit der kräftigen blauen Bemalung muten starkzeichenhaft an. Im Grund zeigen sie mitunter einen Hirsch, wie unser da-tiertes Stück von 1698, oder einen Doppeladler, mitunter auch einen ande-ren Vogel, wie auf einem Stück von 1709. Die meisten dieser Teller sind janicht datiert, stammen aber offenbar doch aus dem gleichen Zeitraum, inden die vielen Teller mit der merkwürdigen Architektur hineinpassen müs-sen. Der Vordergrund erscheint dabei immer gepflastert", und in derGrundmitte steht dann die drei- oder noch mehrtürmige Fassade, an dersich manchmal deutlich ein Stadttor und darüber ein Turm erkennen läßt.Man kann dieses Architekturmotiv nicht zu anderen ähnlichen, also etwamittelalterlichen Stadtsiegeln 95, verfolgen, sondern muß die Parallelen inder Möbelmalerei heranziehen. Die bayerischen„, Türkentruhen" haben aufihren Feldern ganz ähnliche Turmarchitekturen, auch ähnliche Pflasterun-gen davor. Die ältesten, noch dem späten 16. Jahrhundert angehörenden,Truhen dieser Art sind offenbar nach zeitgenössischen Holzschnitten ge-staltet, wie Torsten Gebhard nachgewiesen hat 96. Die Frage, warum diealtbayerische Möbelmalerei eine zeitlang diese Architekturmotive ohne reli-giöse Beziehung so gern verwendet hat, ist jedoch eigentlich offen geblieben.Und sie bleibt auch für die blaubemalten Teller des Egerlandes offen, wennman nicht einen Geheimsinn, der nur den Handwerkern selbst, und in derFrühzeit wohl auch ihren Auftraggebern, bewußt war, dahinter vermutet.
Was die blaue Farbe dieser Bemalung betrifft, so hat man mit Rechtauf den Zusammenhang mit der gleichzeitigen Majolika, mit dem Blau vonDelft ebenso wie jenem von Sfruz in Südtirol hingewiesen. Daß auch dabeijeweils die religiöse Komponente bei der Gestaltung fehlt, bleibt bemerkens-wert. Ein gewisses kryptoprotestantisches Verharren erscheint nicht ausge-schlossen.
Anderseits wurden gewisse Schichten der Volkskunst eindeutig durchden erneuerten Katholizismus geprägt. In die Möbelmalerei werden nungelegentlich Gnadenbilder, etwa Mariahilf- Bilder aufgenommen 97. DieFörderung der Wallfahrt Maria Kulm, der später auch von Goethe besuch-ten Hauswallfahrt der Landschaft, brachte Devotionalkopien und KleineAndachtsbilder 98. Die Ausgestaltung der Patenbriefe, die wir erst seit demspäten 18. Jahrhundert kennen, unterlag ganz offensichtlich geistlichen
95 Erich Meyer- Heisig, Deutsche Bauerntöpferei. Geschichte undlandschaftliche Gliederung. München 1955. S. 53.
96 Torsten Gebhard, Die volkstümliche Möbelmalerei in Altbayern, mitbesonderer Berücksichtigung des Tölzer Kistlerhandwerks(= Bayerischer Heimat-schutz, Bd. 32), München 1936. S. 34 ff.
97 Bernward Deneke, Bauernmöbel. Ein Handbuch für Sammler undLiebhaber. München 1969. Abb. 98, 99 auf S. 242, 243. Die ikonographischenBestimmungen sind etwas dürftig und lassen sich ergänzen.
98 Alois Herr, Zur Geschichte der Sage von den Räubern auf MariaKulm( Erzgebirgs- Zeitung, Bd. 37, 1916).
Alfred Hoppe, Des Österreichers Wallfahrtsorte. Wien 1913. S. 592 ff.
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