Die Praxis musealen Erwerbs läuft diesen Ansprüchenoft zuwider. War es früher der Antiquitätenhandel, der oftnur mit dürftigen Angaben über die Herkunft der Ware auf-warten konnte, so stellt heute vor allem die Masse des Er-worbenen die Museen vor neue Probleme. Immer öfter wer-den etwa aus Haushaltsauflösungen oder Verlassenschaftengrößere Bestände geschlossen angeboten, und eine Abnah-me nur einzelner Stücke ist nicht möglich. Dabei handelt essich häufig um eng mit der persönlichen Biographie verbun-denes Material wie Erinnerungsstücke, Haustextilien oder Klei-dung, mithin um Dinge, die für sich genommen blasse Massen-ware sind und erst mit ihrer kulturellen und sozialen Verortungeinen über ihre äußere Erscheinung und primäre Funktionhinausgehenden Zeugniswert gewinnen. Der Aufwand für dieDokumentation und Konservierung steht dabei nicht seltenin einem krassen Mißverhältnis zum Informationsgehalt dersolcherart erworbenen Neuzugänge.
Ein Ausweg aus diesem Dilemma von Interesse undAufwand sind selektive Sammelstrategien. Gerade für dieAlltagskultur der letzten Jahrzehnte sind tragfähige Kon-zepte für die Zukunft noch kaum in Sicht. Für das Österrei-chische Museum für Volkskunde werden sie nur aus derSammlungstradition heraus ableitbar sein. Was diese betrifft,könnte ein Schwerpunkt auf den Wirkungs- und Rezeptions-weisen von Volkskunst im 20. Jahrhundert und auf den viel-fältigen Erscheinungsformen der populären Kreativität in derModerne liegen. Andere Schwerpunkte werden sich auch inZukunft durch konkrete Forschungs- oder Ausstellungsvor-haben ergeben, die- zeitlich begrenzt und exemplarisch-auf überschaubare Sammlungseinheiten zielen.
Daẞ verstärktes thematisches Sammeln aber auch neueAnforderungen an die wissenschaftliche Bearbeitung stellt,steht ebenso außer Frage wie die Tatsache, daß es auch derständigen Revision der Interessen bedarf. Denn letztlich hängtauch die künftige Qualität einer volkskundlichen Kollektionvon den Möglichkeiten der kulturanalytischen Deutung in derGegenwart ab. Für eine Diskussion darüber Anstöße zu gebenund neue Perspektiven auszuarbeiten, ist die Intention dieserAusstellung.
Bernhard Tschofen