Sach- Geschichten
Über Sammlungen und die Kunst der Dingerzählung
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Jede Sammlung kann als Versuch verstanden werden,Ordnung in eine Welt von Vorstellungen, Sichtweisen undSachen zu bringen. Gleichgültig ob es sich um eine private,um individuelle Interessen und biographische Neigungen her-umgebaute Kollektion oder um eine institutionalisierte Samm-lung handelt, sie gibt Auskunft über die Motive, welche dar-über entscheiden, was des Aufbewahrens und Ordnens fürwert befunden wird.'
Die hundertjährige Geschichte des ÖsterreichischenMuseums für Volkskunde ist auch eine Geschichte der wech-selnden Sammelmoden. In seinen Sammlungen spiegeln sichdie Entwicklungen volkskundlichen Denkens und Arbeitens;die Vorstellungen davon, was Volkskultur ausmacht und ver-treten kann, haben sich in ihnen niedergeschlagen.
Wie die Sicht von Kultur, ist in den letzten Jahrzehntenauch das Sammelinteresse volkskundlicher Museen breitergeworden. Zunehmend fanden Sachen Aufnahme in ihre Be-stände, die nicht mehr den alten Volkskunstkriterien' ent-sprachen, sondern der Alltagskultur einer wenig zurücklie-genden Vergangenheit entstammten. Eine sich beschleuni-gende Wandlung der Lebensweise hat dafür gesorgt, daßimmer mehr und immer jüngere Relikte aus dem Alltagslebenzu Zeugnissen des Vergangenen werden konnten.² Dabei wares nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren und dar-über zu befinden, was nun wirklich dem kulturellen Erbe zu-geschlagen werden soll. Selektionskriterien entwickelten sichnur zaghaft, und wo sie in ein Konzept gefaßt wurden, erga-ben sie sich meist in Anknüpfung an ältere Sammlungs-strategien und-schwerpunkte.
Das Österreichische Museum für Volkskunde nimmtseine Hundertjahrfeier zum Anlaß, sich mit den in den letz-ten 25 Jahren neu erworbenen Beständen in einer Ausstel-lung kritisch und resümierend auseinanderzusetzen. EineAuswahl von Objekten wird danach befragt, was sie zu er-zählen hat: erstens, über die Wandlungen der Sachkultur inder Moderne und, zweitens, über unser gleichfalls in Bewe-gung geratenes Interesse an Sachen als Träger von Überliefe-rungen.