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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
Der Frage nach dem tatsächlichen Verhältnis von Juden und Nicht-juden im Schtetl sind unterschiedliche Historiker bereits nachgegangen.Sie haben dabei u. a. Aufzeichnungen von alten Siedlungen untersucht,auf deren Basis sich Haushaltslisten rekonstruieren lassen. Diese zeigen,dass es kein ausgesprochen jüdisches Siedlungsmuster gab, sondern dassJuden in enger Nachbarschaft mit Nichtjuden lebten.47 Im weißrussi-schen Pinsk waren beispielsweise auch die Gotteshäuser von Juden, Ka-tholiken und Russisch- Orthodoxen nebeneinander im Zentrum des Or-tes. In diesem Sinne gab es nicht nur keine Abwesenheit von Nichtjuden,selbst Segregationstendenzen zwischen Letzteren und Juden sind nichtzu erkennen.48 Diese Konstellation wird exemplarisch von Gershon Da-vid Hundert betont, 49 der nicht nur eigene Untersuchungen zu dieserThematik durchgeführt hat, 50 sondern seine Aussage auch auf Arbeitenanderer Historiker stützt. 51
Auf der Basis dieser Verweise lässt sich unschwer festhalten, dassdas volkskundliche Bestreben, Nichtjuden in die Untersuchung jüdischerkultureller Traditionen einzubeziehen, weil es Interaktionen zwischenihnen und somit auch wechselseitige Beeinflussungen gegeben habenmusste, einen höheren Realitätsgrad aufweisen als die literarischen Wer-ke eines Sch. Aleichem oder gegenwärtige Schtetl- Rekonstruktionen wiejene in Rischon le- Zion.
Zusammenfassung
In den obigen Ausführungen wurden einige Voraussetzungen für dieEntwicklung der jüdischen Volkskunde dargestellt. Im Weiteren wur-de gezeigt, dass es in einigen wesentlichen Aspekten zwischen ihr undanderen zeitgenössischen Unternehmungen, wie beispielsweise der jüdi-schen Sozialwissenschaft oder der Zeitschrift» Ost und West<«<, Parallelen
Bartal( wie Anm. 45), S. 183.
47
48
Ebd., S. 183.
49
50
Gershon David Hundert: The Importance of Demography and Patterns of Settle-ment for an Understanding of the Jewish Experience in East- Central Europe. In:Katz( wie Anm. 45), S. 29-38, hier S. 35.
Siehe ders.: The Jews in a Polish Private Town: The Case of Opatow in the 18thCentury. Baltimore 1992, S. 45.
51
Siehe Hundert( wie Anm. 49), S. 38, Fußnote 21.