Druckschrift 
Ist das jüdisch? : jüdische Volkskunde im historischen Kontext ; Beiträge der Tagung des Instituts für Jüdische Geschichte Österreichs und des Vereins für Volkskunde in Wien vom 19. bis 20. November 2009 im Österreichischen Museum für Volkskunde
Entstehung
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410 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Klassische jiddische Literatur

Das Schtetl- Museum konstituiert ein Narrativ von osteuropäisch- jü-dischem Leben, das vom volkskundlichen Ansatz abweicht, aber eineEntsprechung in der Literatur, speziell in der klassischen jiddischenProsa eines Scholem Aleichem, findet. Er hat sein bekanntes Kasrilev-ke ebenfalls als fiktives Schtetl skizziert, in dem Nichtjuden weitgehendunbekannt sind. Sofern sie genannt werden, dann meist nur in Erfüllungbestimmter Funktionen, wie jener des Schabbesgoi.42

Stellte Kasrilevke lediglich einen fiktiven Ort in irgendeiner Ge-schichte dar, müsste es an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Sch. Alei-chems Schtetl ist jedoch von Relevanz, weil es über Jahrzehnte hinwegdie Vorstellung von ostjüdischem Leben geprägt hat und dabei häufigals authentische Darstellung gesehen worden ist.43 Im Weiteren könnenan Kasrilevke exemplarisch die Konstruktionsleistungen von Schtetl- Be-schreibungen deutlich gemacht werden, weil es neben der fiktionalen Be-schreibung durch Sch. Aleichem auch noch Hinweise von seinem Bruder,Wolf Rabinowitsch, gibt. Kasrilevke hat in Woronko, der Heimatstadtvon Sch. Aleichem, eine reale Vorlage. Aus den Memoiren von W. Rabi-nowitsch ist zu erfahren, dass auch viele Nichtjuden in Woronko lebten.Er erwähnt in seinen Erinnerungen aber nicht nur deren Präsenz, son-dern berichtet auch von Interaktionen zwischen Juden und Nichtjuden,von Streichen, die er mit seinem Bruder und anderen jüdischen KnabenNichtjuden spielte, von kleineren Vandalenakten an der Kirche, die sichunweit vom Hause der Rabinowitsch- Familie befand, u.a.44 Nichtjudenwaren somit Teil des realen Schtetl- Alltages, und sie mussten auch Sch.Aleichems Kindheitserfahrungen beeinflusst haben. Trotzdem bleibensie in seinen literarischen Texten ausgeblendet.

Die Ausklammerung von nichtjüdischer Existenz kam nicht nur beiSch. Aleichem vor.» Kislon«<, so schreibt beispielsweise auch MendeleMoicher Sforim,»> ist eine gänzlich jüdische Stadt, bis ins kleinste De-tail<<. 45 Es figuriert bei ihm als ein jüdischer Ort ohne Kirche oder andere

42

Dan Miron: The Image of the Shtetl and other Studies of modern Jewish literaryImagination. Syracuse 2000, S. 1-4.

Ebd., S. 6-10.

43

44

Ebd., S. 1-2.

45

Israel Bartal: Imagined Geography. The Shtetl, Myth, and Reality. In: Steven T.