Klaus Hödl, Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit
schen Sozialwissenschaftlern sogar besondere Hochachtung entgegenge-bracht. Das zeigt sich bei Arthur Ruppin, dem Direktor des Bureausfür jüdische Statistik, der sich auf einer Reise durch Galizien mit denLebensverhältnissen der dortigen Juden näher auseinander setzte. In derFolge meinte er, unter den Ostjuden»> jüdische Authentizität«< feststellenzu können und bei ihnen die Voraussetzungen für eine verheißungsvol-le jüdische Zukunft zu finden.27 Ostjuden gewannen in diesem Zusam-menhang eine ausgesprochene Wertschätzung, während die so genann-ten Westjuden eher als dekadent galten. Damit wurde aber keine neue,gleichsam spiegelverkehrte, Differenzierung zwischen ihnen eingeführt.Da sich die neuen Beurteilungen hauptsächlich an Westjuden richteten,sollte lediglich die bisherige Herabsetzung der Ostjuden kompensiertwerden.
Das Verhältnis zu Nichtjuden
All die Merkmale, die bei der kurzen Skizzierung der jüdischen Volks-kunde und Sozialwissenschaft genannt wurden, die zunehmende Ge-schichtsverdrossenheit zugunsten von Gegenwarts- und Zukunftspro-jekten, die Überbrückung des ost- westjüdischen Gegensatzes und diepositive Evaluierung des Ostjudentums, zeigten sich auch auf anderenGebieten, beispielsweise an der Zeitschrift» Ost und West<<, die 1901 inBerlin vom Studenten Leo Winz gegründet wurde. 28 Im Jahre 1903 er-schien in dem Medium ein Artikel, in dem in gleicher Weise wie vorhinbei Osias Thon vor zu intensiver Vergangenheitsschau gewarnt wird:>> Wir Juden«<, so heißt es darin,» haben uns vor einer grossen Gefahr inacht zu nehmen; ich meine vor der übertriebenen Wertschätzung desAltertums. wir müssen uns mit aller Kraft dagegen sträuben, dass dieJudenheit, das lebendige und lebensfähige Volk, zu einer Art archäologi-scher Trümmer gemacht werde, die man in einem Museum sorgfältig ka-talogisieren und aufbewahren müsste.... das Judentum aber ist ein leben-der Organismus, der sich fort und fort entwickelt.«< 29 Die Zeitung war
27
Ebd., S. 62.
28
29
David A. Brenner: Marketing Identities. The Invention of Jewish Ethnicity in Ostund West. Detroit 1998, S. 25.
S. Bernfeld: Geistige Strömungen im Judentum. In: Ost und West 3, 1903, S. 29-40,hier S. 29 f.
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