Klaus Hödl, Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit
suchte er eine praktische Anwendung der Wissenschaft des Judentums.Die Protagonisten der jüdischen Volkskunde meinten, dass anders alsdie Historiographie, die der Vergangenheit verhaftet bleibe, ihre eige-ne Disziplin stärker gegenwartsbezogen und dadurch auch von größererRelevanz sei.
Die drei Prozesse, die zur Vorstellung eines einheitlichen, d. h. Ost-und Westjuden umfassenden, jüdischen Volkes, zur Aufwertung desOstjudentums und zur Konzentration auf die Gegenwart und Zukunftgeführt haben, waren eng miteinander verzahnt und können nur ausVerständnisgründen als konsekutive Abfolge, wie eben skizziert, dar-gestellt werden. Bis zu einem gewissen Grad waren sie zeitgenössischePhänomene, d. h. Entwicklungen, die auch auf anderen Gebieten als derVolkskunde bemerkbar waren. Sie lassen sich u. a. an der jüdischen So-zialwissenschaft, die ungefähr zur gleichen Zeit wie die jüdische Volks-kunde ins Leben gerufen wurde, ablesen.
Die jüdische Sozialwissenschaft
Die jüdische Sozialwissenschaft verdankte ihre Entstehung den gewal-tigen Umbrüchen, die die Modernisierung jüdischen Lebens vor allemin Osteuropa hervorgerufen hat. Sie löste starke Migrationsbewegun-gen aus und konfrontierte Juden in den urbanen Zentren Zentraleuropasmit Glaubensgenossen und-genossinnen, von denen sie nur sehr wenigwussten. Um ihnen notwendige Hilfe gewähren zu können, war es aller-dings wichtig, grundsätzliche Kenntnisse über die Lebensverhältnisse derosteuropäischen Judenschaft zu erlangen. Der auf der Grundlage dieserÜberlegungen 1902 in Berlin gegründete»> Verein für jüdische Statistik<<sollte eine entsprechende Wissensbasis erarbeiten. 22 Mit der Einbezie-hung des jüdischen Umfeldes in den Destinationen, in denen sich dieostjüdischen Migrantinnen und Migranten niederließen, wurden auchdie Westjuden zum Adressaten der Forschungen. Ost- und Westjudenwurden dadurch zu einem einheitlichen Untersuchungsobjekt.23
21
Michael Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik. München 2000, S. 41.Vgl. auch den Beitrag von Peter Hörz in diesem Band.
22
Hart( wie Anm. 4), S. 31.
23
Ebd., S. 4.
403