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Ist das jüdisch? : jüdische Volkskunde im historischen Kontext ; Beiträge der Tagung des Instituts für Jüdische Geschichte Österreichs und des Vereins für Volkskunde in Wien vom 19. bis 20. November 2009 im Österreichischen Museum für Volkskunde
Entstehung
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Die jüdische Volkskunde

Mit der wissenschaftlich- numerischen Erfassung von Judentum und derpositiven Beurteilung der traditionellen aschkenasischen Vergangenheitsowie der Hervorhebung des Alltagslebens waren wichtige Vorausset-zungen für die jüdische Volkskunde gegeben. Sie ermöglichten die Aus-formung ihrer Spezifika, wozu vor allem die Aufhebung des Gegensatzeszwischen Ost- und Westjuden gehörte. Die jüdische Volkskunde ver-dankt sich nicht zuletzt den Verwissenschaftlichungstendenzen von Ju-dentum, die kulturelle Faktoren, die der konstruierten Unterscheidungzugrunde gelegt waren, irrelevant werden ließ. Die Volkskunde ging voneinem einheitlichen jüdischen Kollektiv, einem Volk, aus.

Die Abstrahierung von einer ost- westjüdischen Differenzierung er-möglichte es im Weiteren, die Wertschätzung des voremanzipatorischentraditionellen Judentums auf die ostjüdische Gegenwart zu transponie-ren. Dadurch erfuhr das bisher kritisierte Ostjudentum eine positive Be-wertung. Das zeigt sich in exemplarischer Weise an einem Aufruf zurSammlung volkskundlichen Materials, der im Jahre 1905 ausgegebenwurde:>> Wir wenden uns besonders an die gebildete jüdische Jugend bei-derlei Geschlechtes, die noch den Zusammenhang mit dem Volke nichtverloren hat, namentlich aber in jenen Ländern, wo die Juden am dichtestenwohnen und das jüdische Volk sich noch unberührt in aller Urwüchsigkeit undFrische erhalten hat, mit der herzlichen Bitte, sich an unserer Sammelar-beit aufs lebhafteste zu beteiligen.<< 20

Die Gebiete,>> wo die Juden am dichtesten wohnen...<<, bezeichnetOsteuropa. Die jüdische Volkskunde entdeckte somit ostjüdische Exis-tenz als Fundus für ein positiv konnotiertes Judentum.

Mit der Fokussierung der Ostjuden konnte der Blick in die Vergan-genheit einer Auseinandersetzung mit der Gegenwart und dem Aufbaueiner gemeinsamen jüdischen Zukunft weichen. Obwohl die jüdischeVolkskunde Traditionen, die aufgrund der Modernisierung jüdischenLebens zu verschwinden drohten, retten und bewahren wollte, war sieeher auf das zeitgenössische Leben als auf die Geschichte orientiert. MaxGrunwald hebt in diesem Zusammenhang in seinen Memoiren hervor,dass er ganz bewusst keine» Mumien«< konservieren wolle. 21 Stattdessen

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Ost und West 1, 1905, S. 1-6, hier S. 6.( nachträgliche Kursivsetzung zur Hervorhe-bung vorgenommen; K. H.)