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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
Da die Modernisierung der Juden im Zentraleuropa des ausgehenden19. Jahrhunderts sehr fortgeschritten war, konnte es sich dabei kaum umeine religiöse Dimension des Jüdischen handeln. Stattdessen wurde es inweitem Maße als Kultur begriffen. Die Jüdische Renaissance stellt einenbeispielhaften Ausdruck dieser Entwicklung dar.² Der Zionismus, Ten-denzen der>> Szientifizierung« von Judentum, d.h. die wissenschaftlicheAuslegung jüdischer Riten, ³ die jüdische Sozialwissenschaft" oder dieEntstehung jüdischer Museen5 waren neben der jüdischen Volkskundeweitere Folgen der tiefen Enttäuschung, die Juden aufgrund der Nicht-realisierung ihres Emanzipationszieles erfuhren. Es handelte sich bei ih-nen um keine streng voneinander getrennten Auswirkungen, sondernsie waren bisweilen eng miteinander verknüpft.
Die jüdische Volkskunde: Voraussetzungen und historischer Kontext
Im Folgenden werden einige Bedingungen für die Entstehung der jüdi-schen Volkskunde und aspekthaft auch ihr geschichtliches Umfeld dar-gestellt. Es werden Entwicklungslinien nachgezeichnet, die schon Jahr-zehnte vor ihrer formellen Gründung durch Max Grunwald im Jahr 1898beobachtbar waren und dann zu ihrer Etablierung geführt haben. Damitwird keiner deterministischen Geschichtsperspektive gehuldigt, sondernlediglich ein Narrativ vorgestellt, das die Herausbildung der jüdischenVolkskunde, und besonders ihre spezifische Ausformung, unter einemkonkreten Gesichtspunkt nachvollziehbar macht. Ein weiterer Fokuswird auf die Bedingungen gerichtet, die zur Überbrückung der ost- undwestjüdischen Kluft sowie zur Verdrängung einer Vergangenheitskon-zentration durch ein gesteigertes Interesse für die jüdische Gegenwart,beides integrale Merkmale der jüdischen Volkskunde, geführt haben.
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Michael Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik. München 2000.
Siehe Robin Judd: Contested Rituals. Circumcision, Kosher Butchering, and JewishPolitical Life in Germany, 1843-1933. Ithaca 2007.
4 Mitchell Hart: Social Science and the Politics of Modern Jewish Identity. Stanford
2000.
5 Klaus Hödl: Wiener Juden- Jüdische Wiener. Identität, Gedächtnis und Perfor-manz im 19. Jahrhundert(= Schriftenreihe des Centrums für Jüdische Studien, 9).Innsbruck 2006, S. 71–77.