384 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
übersteigt bei weitem unsere Fähigkeiten. Hätten Sie das Manu-skript getippt, wären wir gerne bereit, es näher in Betracht zu zie-hen<<. 33
Max Grunwald scheint sich diese Anregung zu Herzen genommen zuhaben. Denn in seinem Nachlass befindet sich ein vollständiges maschi-nengeschriebenes Manuskript über die» Kulturgeschichte der Juden<<.Betrachten wir die Chronologie ein wenig genauer: 1938 emigrierte ervon Baden bei Wien nach Jerusalem, elf Jahre später hatte er die Arbeitam Manuskript beendet, in deutscher Sprache und in deutscher Hand-schrift, die auch für einen Deutschen nicht immer leicht lesbar ist. 1953starb Grunwald in Jerusalem. Spätestens vier Jahre nach der ersten Absa-ge hatte er es also doch geschafft, seine handschriftliche Version abzutip-pen oder abtippen zu lassen. Das Manuskript wartet bis heute auf seineDrucklegung.
Was berechtigt es, auf solche nebensächliche Details derart viel Wertzu legen? Grunwald, politisch aktiv, Zionist, 34 intellektueller Kosmo-polit, war und dachte bis zu seinem Lebensende deutsch schlesisch,hamburgisch, wienerisch. 35 In seiner Autobiographie, die auch als seingeistiges Vermächtnis gelesen werden kann, sprach er sich für eine heb-räische Übersetzung von Paul Sartoris>> Sitte und Brauch<< aus. 36 Es wärean dieser Stelle lohnenswert, über die möglichen Konflikte mit Cha-jim Nachman Bialik( 1873-1934) nachzudenken, dem Herausgeber der
33 JNUL Jerusalem, Nachlass Max Grunwald, 4° 1182/ XV: 19. Original in englischerSprache[ Übersetzung des Verfassers].
34
35
36
Max Grunwald: Das neue Palaestina. In: Ost und West. Illustrierte Monatsschriftfür das gesamte Judentum 13, 6, 1913, S. 457–488.
Zu jeder Gemeinde, in der er tätig war, verfasste Grunwald eine lokalhistorische Stu-die; Max Grunwald: Hamburgs deutsche Juden bis zur Auflösung der Dreigemein-den 1811. Hamburg 1904; ders.: Geschichte der Wiener Juden bis 1914. Wien 1926.In diesem Zusammenhang erscheint mir eine vielleicht marginale Beobachtung nichtunwichtig. Dr. Kurt Grunwald war als überzeugter Zionist bereits vor seinem Vaternach Palästina ausgewandert war. Er lebte zuletzt in einer Wohnung in der Jerusale-mer Derekh Ramban nahe der Zentralsynagoge. Er schätzte noch im hohen Lebens-alter nicht nur dänischen Pfeifentabak, sondern bis zu seinem Tod auch das Klingel-schild an seiner Wohnung. Als einziges seiner Art in einem Mehrparteienhaus truges in lateinischen- und nicht in hebräischen Buchstaben- den Namen>> Dr. KurtGrunwald«<. Jedesmal, wenn ich den Klingelknopf drückte, fragte ich mich, ob er esnicht in Wien vor seinem Umzug nach Eretz Jisroel abgeschraubt hatte.Paul Sartori: Sitte und Brauch, 3 Bde. Leipzig 1910-1914.