Zwischen Norm und Praxis
Lokale Aneignungen des Welterbe- Prädikats imSpannungsfeld lebensweltlicher und institutioneller
Bedeutungskonstruktionen
Dorothee Hemme
,, Das Erzbergwerk Rammelsberg ist als einziges Bergwerk der Welt kontinuierlich über 1000Jahr in Betrieb gewesen.[...] Zehn Jahrhunderte Bergbaugeschichte dokumentiert der 1988stillgelegte Rammelsberg mit seinem großen Bestand an Bergbaudenkmälern." ¹ So begründetdie deutsche UNESCO- Kommission den Weltkulturerbe- Status des 1992 ausgezeichnetenHarzer Bergwerks. Die außergewöhnliche, universelle Bedeutung, die die UNESCO demRammelsberg und der außerdem ernannten Altstadt Goslars zuschreibt, gilt ihrer historischenBedeutung für den mittelalterlichen Berg- und Stadtbau, der Entwicklung einflussreicherTechnologien und sozialer Unterstützungssysteme sowie dem Erhaltungszustand architek-tonischer und technischer Denkmäler.² Ähnlich vergangenheitsbezogene Zuschreibungenwerden der Benediktinerabtei St. Michael und dem St. Mariendom in Hildesheim zuteil, dieseit 1985 auf der Welterbeliste verzeichnet sind:„ Die beiden Gebäude und die zu ihnen gehö-renden Kunstschätze vermitteln einen umfassenden Zugang zum Verständnis der Einrichtungromanischer Kirchen im christlichen Abendland Glossar ::: zum Glossareintrag Abendland".3
Die Sakralbauten in Hildesheim und das Bergwerk im Harz sind Zeugnisse einer inzwi-schen revidierten Ideologie jener kulturpolitischen Institution der Vereinten Nationen, diederzeit eine globale Deutungshoheit auf die Konzeptionalisierung kulturellen Erbes ausübt.Sie zeugen von der Stein- und Ziegel- Mentalität, die das„ Flaggschiffprogramm"- so nenntPeter Strasser die UNESCO- Welterbekonvention von 1972- auszeichnen. Die unter demSchutz dieser Konvention stehenden Relikte verweisen auf ein für die Spätmoderne typisches„ Interesse an Vergangenem und Vergehendem". Dessen lange vorherrschende Ausrichtungam Steinern- Monumentalen belegt die Dominanz eines durch die westlichen Industrienatio-nen geprägten Welterbekonzeptes, das erst jüngst durch die Konzeptionalisierung von imma-teriellem kulturellem Erbe aufgeweicht worden ist.
1 Homepage der Deutschen UNESCO- Kommission: http://www.unesco.de/305.html?&L=0( Zugriff:13.11.2007).
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State of Conservation of World Heritage Properties in Europe. Periodic Reporting, 2006: whc.unesco.org/archive/ periodicreporting/ EUR/ cycle01/ section 2/ 623- summary.pdf( Zugriff: 13.11.2007).
Homepage der Deutschen UNESCO- Kommission: http://www.unesco.de/297.html?&L=0( Zugriff: 13.11.2007).Peter Strasser: Welt- Erbe? Thesen über das` Flagschiffprogramm' der UNESCO. In: Dorothee Hemme, MarkusTauschek und Regina Bendix( Hg.): Prädikat Heritage. Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen( Studienzur Kulturanthropologie/ Europäischen Ethnologie 1). Münster 2007, 101- 128. Zur Welterbekonventionvgl.: http://www.unesco.de/73.html?&L=0( Zugriff: 13.11.2007).
Ingo Schneider: Zur Semantik des kulturellen Erbes. Mehr Fragen als Antworten. In: Bricolage. InnsbruckerZeitschrift für Europäische Ethnologie. Heft 3: Kulturelles Erbe. Innsbruck 2005, 37-51, hier: 37.
Zum Wandel der UNESCO- Konventionen vgl. Barbara Kirshenblatt- Gimblett: Intangible Heritage asMetacultural Produktion. In: Museum International, Vol. 56, No. 1-2, 2004, 52- 65 hier: 52- 55; Valdimar
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