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Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
Entstehung
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Tradition, Erbe und gesellschaftliches Wissen

Die drei in den Titel gesetzten Begriffe, Tradition, Erbe und gesellschaftliches Wissen,markieren Konzeptionen des Umgangs mit gesellschaftlichen Narrativen, mit Bildern undWissensbeständen über eigene Herkünfte. Sie zielen auf Identitäten, beinhalten Identitätsof-ferten. Das Operieren mit der Suggestion gesellschaftlicher Verpflichtung ist so festgefügt,dass es eines Nachweises ihres Nutzens kaum bedarf. Alle drei Begriffe haben einen Bezug zuunserem Fach und lassen sich an dessen Kernbegriffe anschließen, falls sie nicht selbst solchesind. In ihnen dominieren autochthone Akzentuierungen( Orte, Eigenes, Brauch, Heimat). Traditiones" ist der Titel einer slowenischen Volkskunde- Zeitschrift; Gemeinschaft undTradition" hatte Richard Weiss 1946 als die Grundpfeiler der Volkskultur ausgemacht undauf diese Weise sowohl fachliche wie auch menschliche Inklusionen und Exklusionen deutlichals lokal fixiert markiert. 10

Die dem Fach- Diskurs nahe und so plausible, auf einen Konsens über die fraglose Bedeu-tung des Erbes gegründete Formel, Ohne Herkunft keine Zukunft", die aus dem Umfeldvon Hermann Lübbe längst in die Rhetorik der Bürgermeister eingesickert ist, ließe sich dannals eine Art Indianerweisheit Glossar ::: zum Glossareintrag  Indianerweisheit( ,, Wir haben die Erde nur geborgt...") in die Kategorie moralisie-render Mythen einordnen. Auch der Gustav Mahler zugeschriebene Sager Tradition ist dieWeitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche" ist hundertfach wohlmeinend wieder-holt worden. Damit lassen sich die drei Begriffe auch als ein permanentes Monitum gegen dieunbegrenzten Möglichkeiten des naturwissenschaftlich- technisch ermöglichten Fortschrittsinterpretieren. Seit 200 Jahren, so hat Reinhart Koselleck einmal angemerkt, stehe die Zi-vilisation unserer Menschheit unter einer Zwangsalternative, die es zuvor nie gegeben hat,nämlich technisch fortschreiten zu müssen oder zurückzufallen in anarchische Zustände." 11Da, in der Anarchie, bedürfte es dann keiner Erbediskurse mehr.

Die drei Begriffe Tradition, Erbe und gesellschaftliches Wissen werden nur noch vom Ge-raune um die Wurzeln übertroffen. Erbe und Wurzeln, beide auch mit Biologischem affiziertund beglaubigt, haben sich in ihrer raunenden Plausibilität immer wieder popularisieren las-sen. Es waren Intellektuelle der Geschichtswerkstätten, die in den 1970er Jahren die süddeut-sche Region Hotzenwald mit ihren Salpeterern" als immer schon widerständig beschriebenund diese Eigenschaft, vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Heinemann unterstützt,als regionales Erbe auswiesen. 12 Eine Zeitschrift namens Allmende" hat sich als alemannischgeprägt vom protestantischen Württemberg abzuheben versucht, indem sie das katholische,einst habsburgische( vorderösterreichische) Oberschwaben als Region ererbter, eigentlicher,human- warmer Lebensqualität beschrieb und gegen das als kalt- pietistisch ausgemachteWürttemberg setzte. Als in Frankenburg im Hausruck im Herbst 2007 eine kosovarischeFamilie abgeschoben werden sollte, gab es in der Gemeinde Unruhe. Die liberale Wiener Zei-tung STANDARD verwies mit einem historischen Link auf eine Unruhe an der Wiege derBauernkriege" und fuhr fort, für die Frankenburger sei die Auflehnung gegen die Obrigkeitennichts Neues. Bereits im Mai 1625 nämlich hätten die evangelischen Bauern während des 30-jährigen Krieges mit einem Aufstand die Einsetzung eines katholischen Geistlichen verhin-dert. Der bayerische Statthalter habe damals die 36 Führer des Aufstandes paarweise um ihrLeben würfeln lassen. Ein Frankenburger Würfelspiel" wird seit 1925 alle 2 Jahre aufgeführt

10 Richard Weiss: Volkskunde der Schweiz. Erlenbach- Zürich 1946.

11 Reinhart Koselleck: Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialenSprache. Frankfurt am Main 2006.

12 Thomas Lehner: Die Salpeterer. ,, Freie, keiner Obrigkeit untertane Leut' auf d. Hotzenwald". Berlin 1977.

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