Druckschrift 
Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
Seite
296
Einzelbild herunterladen
 

Einige Nachrichten zum Kampf der Aufklärunggegen volksreligiöse Formen in Bayern

Von Karl- S. Kramer, Kiel

Der folgende kleine Beitrag kann nicht den Anspruch machen, Neues zubringen, denn schon seit mehr als dreißig Jahren liegt die Arbeit von AnitaBrittinger über Die bayerische Verwaltung und das volksfromme Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumim Zeitalter der Aufklärung" vor ¹), und in der Zwischenzeit wurden in Bayernund andernorts immer wieder größere oder kleinere Arbeiten zu diesemThema veröffentlicht 2). Und doch scheint mir das Schreiben des oberpfälzi-schen Kaplans Michael Steib, das die wesentliche Grundlage der folgendenZeilen bildet, bedeutsam genug zu sein, um eine Erörterung zu rechtfertigen.Um nun nicht ganz und gar mit fremden Federn geschmückt zur Gratulations-cour beim Jubilar zu erscheinen( denn der Hauptautor bleibt Steib), fügeich noch einige weitere archivalische Nachrichten aus annähernd gleicher Zeitbei. Das ist dann übrigens auch eine echte Ergänzung zu Brittingers Arbeit,denn wie Barbara Goy richtig bemerkt, hat Brittinger zwar Archivmaterialmitverwandt, aber kaum einmal wörtlich zitiert und sich im wesentlichenauf die Mandate der kurfürstlichen bzw. königlichen Regierung gestützt, derenAnklang und Aufnahme aber nicht immer mit der notwendigen Distanz insAuge gefaßt ³).

Und diese Frage nach der äußeren wie inneren Wirkung aufklärerischerTätigkeit ist wohl die entscheidende. Man weiß zwar, daß die bayerischeRegierung nicht gerade zimperlich verfuhr, um ihre Gebote und Verbotedurchzusetzen. Vor allem die Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Säkularisa-tion Lücken in den Reichtum der Kloster- und Wallfahrtskirchen Bayernsgerissen hat, wird als antikulturelle Barbarei Glossar ::: zum Glossareintrag  Barbarei immer wieder angeprangert.Man weiß in diesem Zusammenhang auch das Loblied gläubiger Bauern undBürger zu singen, die hier und dort einen Abbruch unter persönlichen Opfernverhindert haben. Darin deutet sich eine Frontstellung an, hie Regierung, hieVolk, die in der Tat auch mit mancherlei anderen Zeugnissen sichtbar gemachtwerden kann wie zum Beispiel durch den Gesang, wie man die feyertagabbracht hat" im handgeschriebenen, aus bäuerlichem Besitz stammendenStubenberger Liederbuch 4). Andererseits weiß man auch von der bedingungs-losen Unterstützung der aufklärerischen Praxis durch Vertreter der Intelli-genz"; ein weniger bekanntes Zeugnis hierfür ist Sinzerus der Reformator",anonym herausgegeben, einem Johannes Pezzl zugeschrieben, der die schärf-sten Äußerungen Nicolais weit überbietet 5).

-

Man vermutet Vertreter dieses Typs vor allen Dingen in den Städten,in München vorweg, wo ja die aufgeklärte Regierung residierte. Auf demLande hingegen saßen, so das Klischee, die Feinde des Fortschritts, die nicht

296