An ein altehrwürdiges Vorbild sollen die Buchstaben A und 2, sowie I( Initium) und F( Finis) auf dem Bildgrunde gemahnen, desgleichen der auszierlichen gotischen Schnörkeln bestehende, mit feinem Goldpinsel aufge-tragene Kreuznimbus. Der Gewandsaum des Halsausschnittes trägt die In-schrift ,, REX REGUM". Dieses Christusbild muß sich eines besonderenRufes erfreut haben, denn es sind drei alte Kopien( in der Akademie zuBrügge, in der Alten Pinakothek zu München und im englischen Privat-besitze) vorhanden. Mit seinen Gesichtszügen ist es Vorbild für die nieder-ländischen Christusdarstellungen der Folgezeit geworden.
Das neue Veronika- Bild
Entsprechend der neuen Legende, in der Veronika dem Heilande beimTragen des Kreuzes das Tuch reicht, muß es auch Darstellungen des Schweiß-tuches mit dem dornengekrönten und blutigen Antlitze Jesu geben, wobeiallerdings zu bedenken ist, daß es für diese Wiedergabe keine alte, heiligeReliquie als Vorlage gab. Wir wählen zwei einander sehr ähnliche Bilderaus der Kölner Malerschule um 1400, die dem Meister der hl. Veronika zu-geschrieben werden. Die lieblich jugendliche Veronika hält das großeSchweißtuch, weit ausgespannt, den Beschauern entgegen. Das Schweißtuchdes einen Bildes( Nat. Gal. London) zeigt ein Antlitz Jesu von strengembyzantinischen Typ( winzige Haarlocke an der Stirn), umgeben von einemgroßen Nimbus 98)( Tafelbild 22), das des anderen( München, Alte Pinako-thek) ein Antlitz Jesu vom gleichen Typ, aber mit einer Dornenkrone mitvielen spitzen Stacheln gekrönt 99). Bluttropfen rinnen die Stirne hinab. Auf-fallend ist, daß das Antlitz Jesu beide Male im Vergleiche zu dem Veronikasfast doppelt so groß ist. Das Münchener Bild hat in den unteren Ecken jeeine Gruppe von drei reizenden kleinen Engeln, von denen je einer er-staunt zum Schweißtuche emporblickt.
Aus dieser Gegenüberstellung entnehmen wir: auf dem Schweißtuchesoll doch ein natürlicher Gesichts- Abdruck des kreuztragenden Jesus sein,aber nur das eine Bild weist die Dornenkrone auf, das andere nicht.Gemeinsam ist beiden der strenge byzantinische Typ und die übermäßigeGröße. Eine Vorlage für ein dornengekröntes Antlitz Jesu auf dem Pas-sions- Schweißtuche der Veronika wäre demnach schon um 1400vorhanden. Auffallend ist es, daß man sich dennoch nicht von der altenVorlage trennen mag. Es ist nicht allein das Beharrungsvermögen in Dingender Überlieferung, welche das bewirkt, der Hauptgrund wird wohl der sein,daß es für das Bild des Passions- Schweißtuches keine auf Jesus unmittelbarzurückführbare hochheilige Reliquie, daß es eben nur eine einzige Reliquie,die in Rom, gab, die infolge ihres Alters für die neue Veronika- Legendeund ihr Passions- Schweißtuch keinen Anhalt bot. Wir müssen aber ander-seits wieder betonen, daß das Mittelalter nicht so doktrinär war, wie mangewöhnlich glaubt, daß gelegentlich auch einander Widersprechendes neben-einander sein konnte. So gehen eben verschiedene Darstellungen von demWahren Antlitze Jesu auf dem Schweißtuche das ganze 15. Jahrhundertbis ins 16. unbekümmert nebeneinander her. Wie schon erwähnt, habendie volkstümlichen Holzschnittmeister des 15. Jahrhunderts beide Typenauf ihren Schweißtuch- Bildern gebracht, das Antlitz Jesu ohne eine und98) Pearson, Tf. 4.
$ 9) E. Heidrich, Die altdeutsche Malerei, Jena 1909, Abb. 2.
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