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Neue Marksteine : drei Abhandlungen aus dem Gebiete der überlieferungsgebundenen Kunst
Entstehung
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III.

Das Wahre Antlitz Jesu

Wir kennen sie alle, die rührende Gestalt, die aus dem Hause heraus-tritt, um ihr neues Linnen abzuliefern, dabei den unter dem Kreuze zusam-menbrechenden Heiland erblickt, sogleich hinzueilt und ihm das Tuch reicht,mit dem er Schweiß und Blut abtrocknet. Wir sehen, wie sie dann das Tuchentfaltet, in das Jesus sein Schmerzensantlitz abgedrückt hat. Sie ist unsallen vertraut, die rührende Gestalt

Veronika.

Mancher wird das Evangelienbuch zur Hand genommen haben, um dieGeschichte von der Veronika nachzulesen, und zu seiner großen Enttäu-schung wird er nicht einmal ihren Namen darin gefunden haben.

Die Episode mit Veronika führt zu einem alten Legendenkreise von demauf wunderbare Art entstandenen Abbilde des Wahren Antlitzes Jesu ¹).

Der Stifter des Christentums hat nichts aufgeschrieben und gab auchseinen Jüngern keinen Auftrag etwas durch die Schrift festzuhalten. SeineLehre erging an einfache, unbedeutende Leute und wurde von Mund zuMund weiter gegeben. Weder sein Äußeres noch seine Familienverhältnissefanden Beachtung, wofür Paulus ein gewichtiger Zeuge ist. Daraus ergibtsich schon, daß zur Zeit, da Jesus auf Erden wandelte, kein Bildnis von ihmangefertigt wurde und im zeitgenössischen Schrifttume auch nicht aufscheint.Erst vom zweiten Jahrhunderte an wird auch das Äußere des HeilandsGegenstand von Streitfragen bei den christlichen Schriftstellern 2). Manberuft sich dabei bezeichnender Weise auf Stellen des Alten Testamentes.Justinus der Märtyrer, Clemens von Alexandrien, Tertullianus behaupten,gestützt auf eine Stelle bei Jesaias( 52, 14), Jesus sei klein, häßlich und vonniederem Ansehen gewesen. Johannes Chrysostomus und Hieronymus da-gegen vertreten im Hinblicke auf Psalm 45, 3 die Ansicht, Jesus sei voll dergrößten Holdseligkeit gewesen, er habe im Gesichte und in den Augenetwas Himmlisches gehabt, aus dem der Glanz der Gottheit geleuchtet habe.Die Stelle bei Jesaias bezöge sich auf die Miẞhandlungen bei seiner Marterund Kreuzigung. Nun kommt noch hinzu, daß die frühen christlichen Ge-meinden, unter Wortführung des Tertullianus, Bildhauer und Maler als dieVertreter eines schändlichen Gewerbes betrachten. Wer der Kunst nicht ent-sagt, wird nicht zur Taufe zugelassen, und gebannt wird, wer die Kunstnachher noch ausübt. Es wirkt hier noch deutlich das stets befolgte Bild-verbot im Alten Testamente( 2 Mos. 20, 4) nach. Diese Einstellung ändertsich mit der Machtübernahme der christlichen Kirche nach 313, die nun großeAufträge in Bauten und Kunstwerken zu vergeben hat. Die gewaltige christ-

1) Hauptwerke: Wilhelm Grimm, Die Sage vom Ursprung der Christus-bilder( Kleinere Schriften Bd. III, S. 138-199, Berlin 1883); K. Pearson, DieFronica, Straßburg 1887; E. v. Dobschütz, Christusbilder(= Texte und Unter-suchungen zur Geschichte der altchristl. Literatur NF, 3. Bd., Leipzig 1899).2) Grimm, S. 174 ff.

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