besonderen Kulturschicht, die sich deutlich von anderen abhebt. Wir kennendieses weibliche Wesen als den Inbegriff aller Fruchtbarkeit, als die großeMutter, die sich selbst immer wieder verjüngt, die wieder Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau wird,die unentwegt gebiert und das Erzeugte wieder verschlingt, des Lebens unddes Todes große Herrin. Neben dieser Ewigen ist der Mann als der zufälligeBefruchter etwas Vergängliches, von geringer Bedeutung. Die Mutter hatdas Vorrecht. Joh. Jak. Bachofen hat als erster mit genialem Blicke diese fürden damaligen Historiker zu tief liegende und zu verborgene Schicht richtigerkannt 60). Ackerbau- und Gartenwirtschaft sind die Grundlagen diesesalten Gesittungskreises, in dem mutterrechtliche Verhältnisse zu Hause sind.Völker kommen und gehen, durchdringen einander. An gewissen Mittel-punkten, Städten, wächst die Kultur rasch. Reiche entstehen und Reiche ver-fallen wieder. Diese weibliche Fruchtbarkeitsgestalt aber bleibt, weiß sichneuen Verhältnissen, wo der Mann das Vorrecht hat, anzupassen. Wirfinden sie in der hellenischen Demeter, in der vorderasiatischen Kybele, inder Ischtar des Zweistromlandes und in der ägyptischen Isis.
Die Geschichte der alten Welt gipfelt in der prunkvollen Weltherrschaftder Römer. Am Ende von viel menschlicher Macht und Herrlichkeit scheintes, als wollte alles wieder von Neuem beginnen. Aus den besiegten Länderndes Orients Glossar ::: zum Glossareintrag Orients kommen die m ütterlichen Gottheiten, vor allem Kybeleund Isis, und gewinnen mit ihrem teils öffentlichen, teils geheimen Kulte dieHerzen der armen Unterdrückten. Die Isis- Verehrung ist überall in demRiesenreiche der Römer zur Kaiserzeit zu finden und dringt bis nach Britan-nien vor 61).
Schon zur Zeit der Ptolemaier ist in Ägypten in der Hochschicht eineGestirnreligion entstanden, die alles Geschehen schicksalhaft an die geheim-nisvollen Bewegungen der Planeten unter Vorherrschaft der Sonne knüpft 62).Nun werden die wichtigsten Gestalten neuer Frömmigkeit und alter Über-lieferung an den Sternenhimmel versetzt. Im Zuge der Verstirnungen setztder Babylonier Teukros( 1. Jhdt. n. Chr.) Isis mit dem Horusknaben undmit Ähren in der Hand als Sternbild der Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau an den Himmel 63). In
60) Hauptwerke: Versuch über die Gräbersymbolik der Alten, Basel 1859.Das Mutterrecht, Stuttgart 1861; Die Sage von Tanaquil, Heidelberg 1870. Dem vonBachofen vorgetragenen einfachen Aufstiege des herrschenden Weibes Glossar ::: zum Glossareintrag Weibes aus dem Ur-sumpfe hetärischer Vermischung zu ganz anders gearteten Kulturschichten ver-mögen wir nicht zuzustimmen, aber wir können auch heute noch viel aus der ge-waltigen Fülle des von ihm quellenmäßig vorgelegten und zu neuen Problemenanreizenden Stoffes lernen.
61) Auch in der damaligen Vermischung( Synkretismus) hält Isis Kornährenin der Hand, als Isis- Sothis, auf einem Hunde reitend( Relief), als Isis- Panthea( Münze), als Isis- Tyche trägt sie Ähien auf dem Kopfputze( Statuette). Abbildun-gen in: H. Haas, Bilderatlas zur Religionsgeschichte, 9.- 11. Liefg. Die Religionenin der Umwelt des Urchristentumes, Nr. 29, 36, 31. Es sei nur kurz angedeutet,daß im alten Ägypten zwei Schichten erkennbar sind, eine ältere, vordynastische,matriarchale, wonach Isis die Herrin des Kornes ist, und eine jüngere, historische,patriarchalische, wonach Osiris der Getreidegott, der Gott des Wachstums ist. Indem Sinne werden aus Erde mit Getreidekörnern vermischte Bilder von Osirisgemacht, so daß dann aus seinem Leibe die Getreidehalme sprießen( Bilder beiRoscher, Mythol. Lex. unter„ Usire", Sp. 133). Man vergleiche damit die matriar-chalen Idole vom Dnjestr( S. 73).- Brot und Wein, erst Demeter und Dio-nysos, dann ihre Gaben( Euripides, Die Bakchen v 274 ff.), fanden ihre Fortsetzungin der Ährenmuttergottes und in dem gekelterten Christus.
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62) H. Gressmann, Die hellenistische Gestirnreligion, Leipzig 1925, S. 28.63) Fr. Boll, Sphaera, Leipzig 1903, S. 210.