Druckschrift 
Neue Marksteine : drei Abhandlungen aus dem Gebiete der überlieferungsgebundenen Kunst
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

II.

Maria im Ahrenkleide

Eine eigenartige Darstellung der heiligen Maria taucht kurz nach 1400auf süddeutschem Boden auf und findet rasch Verbreitung. Die jugendlicheMaria trägt ein schlichtes, dunkelblaues Kleid, in der Leibesmitte von einemGürtel umfaßt, von dem ein langes Riemenstück hinabfällt. Der Halsaus-schnitt ist mit einem goldenen Flammenkranz geziert und dieselben gewell-ten Flammen bilden den Ärmelbesatz. Über das Kleid sind goldene Ährengestreut, wonach diese Darstellung den Namen Maria im Ährenkleid❝erhielt. Auffallend ist das reiche, lange blonde Haar, das frei den Rückenhinabfällt, gelegentlich fast bis zum Boden ¹). Oft drängt es so weit vor, alswollte ein Haarmantel die Gestalt umschließen.

Träger dieser eigenartigen Darstellung sind Ölbilder, meist Holztafel-bilder, seltener plastische Werke, Freskomalereien, Miniaturen, dann Zeich-nungen und Holzschnitte. Meisternamen fehlen 2), wir bewegen uns auf demBoden überlieferungsgebundener Kunst. Dafür zeugt auch das Aufkommendieser Darstellung, das im Dunkel liegt. Wir werden darauf noch zurück-kommen, aber zunächst sei so viel gesagt, daß die Ähren- Muttergottes bäuer-lichen Boden zur Voraussetzung hat. In der mittelalterlichen Stadt beschränk-ten Umfanges, die noch Ackerbürger innerhalb ihrer Mauern umschließt,wird sie entstanden und verehrt worden sein. Dieses Verhältnis hält an,auch nachdem die Kunst, in einseitiger Hochführung von großen Persönlich-keitskünstlern getragen, zu dem Fürstenhofe abgewandert ist. In der klein-bürgerlichen Stadt lebt der Ackerbürger mit der ihm eigenen, von volks-tümlicher Überlieferung durchtränkten Frömmigkeit weiter.

Frühzeitig wird sich auch die feudale Schicht, die ebenfalls auf Über-lieferung hält, der Ähren- Muttergottes angenommen haben und gelegentlichwird diese zur Schutzherrin eines Geschlechtes. Auf Bildern wird dann dar-gestellt, wie dessen Vertreter sich für ihre Person und für ihre Nachkommenin den Schutz der Ähren- Muttergottes begeben. So Philipp der Gute vonBurgund, Stifter des Ordens vom goldenen Vließe( 1429), auf einem Bildeum 1450, dann ein Vertreter des steirischen Geschlechtes der Herzheimer aufeinem Bilde aus derselben Zeit. Das Bürgertum folgt nach. Auf dem Bildeder Ähren- Muttergottes mit dem ausgebreiteten Mantel in der Frauenkirchezu München( um 1500) erwählt die Familie Sänftl, das Ehepaar samt zahl-reichen Kindern und Verwandten, diese Muttergottes als Schutzherrin.

In Straßengel im Murtale wird die Ähren- Muttergottes als Helferin inGeburtsnöten angerufen, dann ist sie wieder Geleiterin des Gestorbenen.

1) Tafelbild des 15. Jhdts., aus Brixen stammend, jetzt im Klerikalseminarin Freising, abgeb. bei H. Semper, Michael und Friedrich Pacher, ihr Kreis und ihreNachfolger, Esslingen 1911, S. 163, Abb. 59.2) Die geringen Ausnahmen kommen gar nicht in Betracht.

56