die Ärmel. Maria spannt den von einer großen Rosette zusammengehaltenenweißen Mantel weit aus. Darunter sieht man kniend ihr zur Rechten dieGeistlichkeit mit dem Papste an der Spitze, ihr zur Linken das weltlicheGefolge, angeführt vom Kaiser. Die Spätzeit dieser Scheibe kündigt sichin der mit zeichnerischen Mitteln erstrebten räumlichen Tiefenwirkung aus,ausgedrückt durch die unzählbaren Kopfplatten ihrer Verehrer. Man er-kennt noch über dem Mantelrande ein Stück von der Brustzierborte desKleides. Die Flammenstrahlen fehlen daran und an den Ärmeln. Mariaist bereits Mutter und als Mutter Jesu trägt sie die Himmelskrone, unterder das reiche weizenblonde Haar hervorquillt, das, vom Winde erfaßt,sich mit Lockenwellen zu einem breiten Haarmantel entfaltet. Ein Sternen-nimbus umrahmt das frauliche Gesicht der Himmelskönigin, die uns als diegüfige, alle Leiden verstehende Mutter entgegentritt.
Alterskette der auf das Getreide abzielenden Sinnzeichen
Begeben wir uns in das Mittelmeergebiet des 5. Jhdts. v. d. Zr., sotreffen wir bei den Hellenen auf eine Kultur, bei der die Verehrung derHelden der Vorzeit im Vordergrunde steht, wofür die hohe Wertschätzungder Epen Homers und die Aufführung der Tragödien zur Festzeit Zeugnisablegen. Daneben aber gibt es eine Göttin, die in eine Zeit zurückreicht,da es noch keine hellenischen Stämme auf dem Boden Griechenlands ge-geben hat, die, mit einem geheimnisvollen Kulte umgeben, eine MutterErde ist Demeter. Als deutliche Zeichen ihres Wesens haben bildlicheDarstellungen von ihr oft ein Büschel von drei Ähren in einer der Händeoder in beiden. Es ist sogar eine Votivgabe, bestehend aus drei goldenenÄhren an einem Halme, auf uns gekommen, die von Syrakus stammtund dem 3. oder 4. Jhdt. v. d. Ztr. angehört 55). Die Ähren sind in diesemFalle naturnahe wiedergegeben nicht symmetrisch- ornamental angeordnetwie auf dem bayrischen Silber- Votive. Wir haben Nachricht von einemBrauchtume Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtume bei einer Mysterienfeier dieser Göttin, wo eine besondereGetreide- Ähre, ihr Abschneiden und Entkörnen eine bedeutsame Rolle ge-spielt haben, somit eine Ähre im Mittelpunkte einer Handlung stand 56).
Schreiten wir noch weiter zurück, etwa bis in die Mitte des 3. Jahr-tausends v. d. Ztr., und betrachten wir die Bodenfunde, die bei Ausgrabun-gen im ganzen Bereiche des Mittelmeeres und der angrenzenden Ländergemacht wurden, so fallen unter diesen einfach ausgeführte plastische Dar-stellungen einer weiblichen Gestalt auf, die einander sehr ähnlich sind und
55) Sammlg. James Loeb, München- Murau. Richter a. O. Abb. 23. Die dreigoldenen Ähren dürften sich nach„ Atlantis" 27( 1955) 108 bereits in Amerika, imBesitze von Dr. J. W. Hambuechen in Huntington, Long Island befinden. Auf einemTerrakotta- Relief des 2. Jhdts. v. Chr. Demeter- Ceres mit Büscheln zu je dreiAhren in den Händen, Sammlg. Kirchner, Rom, Abb. 24. E. A. StückelbergsBehauptung, Ceres oder eine andere ihr verwandte weibliche Gestalt erscheineauf einer Münze Trajans in einem mit Ähren geschmückten Kleide( Schweiz. Arch.f. Volksk. 13( 1909) 209 ff.) ist unrichtig und zu streichen.( A. Spamerzitiert ohne Nachprüfung diesen Aufsatz in seinem Buche„ Das kleine Andachts-bild" S. 50, Anmkg. 3.) Bei der Münze, die Stückelberg vergrößert abbildet, mußes sich um Korrosionserscheinungen handeln, die diesen Eindruck erwecken. Wederin dem reichen in Betracht kommenden Münzenmaterial der Münzensammlung desKunsthistorischen Museums in Wien gibt es eine Trajan- Münze, die Ahren aufdem Gewande der genannten weiblichen Gestalt aufwiese, noch wurde eine solchein der einschlägigen Fachliteratur beschrieben.
72
56) Hippolytos 5, 8; W. F. Otto, Dionysos, Frankfurt a. Main 1939, S. 93.