Bauerntümliches Überlieferungsgut
Eine besondere Rolle spielt die letzte Garbe, die bei der Ernte,beim Schnitte gebunden wird. Hiefür liegen umfangreiche Stoffsammlungenvor. Sie wird die Alte und die Braut genannt. Als der Alten kommen ihrNamen wie die große Mutter, Großmutter, Kornmutter, Ährenmoar, als derBraut die Namen Jungfer Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfer, Kranzjungfer Glossar ::: zum Glossareintrag Kranzjungfer, Ährenkönigin, Hafer-, Weizen-braut zu 32). An dieser Stelle sei vermerkt, daß die Ähren- Muttergottes vonZell am See im Volke unter dem Namen ,, Weizenfrau" bekannt ist 38).
Die Halme der letzten Garbe werden zuweilen zu einer Puppe zu-sammengebunden, die mit Laub und Feldblumen geschmückt wird 34). Oftwird die Schnitterin in die letzte Garbe eingewickelt. Sie erscheint damitals die Trägerin der Fruchtbarkeit und soll einen guten Feldertrag imneuen Jahr verbürgen 35). Die letzte Garbe kann aber auch auf einige Halmezusammenschrumpfen. Wir haben Überlieferungen, wonach das ganze Feldabgeschnitten wird und nur einige Halme stehen gelassen werden, die dannzusammengefaßt als etwas Besonderes aufbewahrt werden. Neben derletzten, der Glücksgarbe, stehen dann als gleichwertig Glückshalme, dasGlückshempfel, 3 × 3 oder schließlich nur 3 Ähren, wobei 3 Ähren auseinem Halme besonders geschätzt werden 36).
Die 3 schönsten Ähren werden im Pinzgau an die Tür des Hauses ge-heftet; sie werden unter das Dach gebracht oder hinter das Kruzifix imHerrgottswinkel gesteckt. In den Rauhnächten, an denen der Bauer Heuund Stall mit Weihwasser besprengt, dienen sie als Weihwasserwedel( Weih-brunn- Wadei). Der aufgebahrte Tote wird mit den in eine Schale mitWeihwasser getauchten 3 Ähren besprengt und am Grabe sieht man wiederdie 3 Ähren in einem kleinen Weihwasserbecken 37). Die Körner derausgedroschenen Garbe sind mit besonderen Kräften ausgestattet. Aus demdaraus gewonnenen Mehle wird Brot gebacken, das als Heilsbrot in hohemAnsehen steht.
Der Werdegang vom Schneiden der Getreidehalme über das Ausdreschender Körner bis zum Gemahlenen, dem Mehle, dem Kneten des Teiges unddem Backen im Ofen wird auf Grund alter Überlieferung als die ,, Qualdes Kornes", als eine Art Passion angesehen 38). F. Liebrecht und R. Eislerhaben auf das Alter dieser Überlieferung hingewiesen, die bereits in vor-christlichen Hochformen eine Rolle spielte 39).
Um die letzte Garbe spielen Brauchtümer, welche an die bei den Hoch-zeitsfeierlichkeiten gemahnen( Brautlauf, Zerschlagen von Töpfen, Abtanzeneines Kranzes) und wir finden, daß z. B. in Mecklenburg zugleich mit derErntefeier Hochzeiten verbunden waren 40). Ähnliches finden wir bei denSlawen. In Kostroma setzt man das Brautpaar auf Korngarben und das
32) Sartori, Sitte u. Brauch, Bd. II, S. 88.
33) Graus( Kirchenschmuck, Bd. 35, 1904, S. 14).34) Sartori, Sitte u. Brauch, Bd. II, S. 83.
35) Sartori, ebendort, Bd. II, S. 87.
1936) M. Höfler, Der Frauendreißiger, aus Zeitschrift für österreichische Volks-kunde, 18. Jhg., S. 7 ff.).
37) M. Andree- Eysn, Volkskundl. a. d. bayr.- österr. Alpengebiete, Braun-schweig 1910, S. 103.
38) Bolte- Polívka, Anmerkgn, zu den KH M der Brüder Grimm, 1, 222, Anm. 1.39) Liebrecht, Zur Volkskunde, S. 251 ff.; Eisler, Orph.- dionys. Mysterien-gedanken in der christlichen Antike, Leipzig 1925, S. 235 ff.
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40) Bartsch, Sagen und Gebräuche aus Mecklenburg, Bd. II, S. 304.
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