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Brauchtumserscheinungen Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumserscheinungen im griechischen Jahreslauf und ihre Beziehungen zum Volkstheater : theaterwissenschaftlich-volkskundliche Querschnittstudien zur südbalkan-mediterranen Volkskultur
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Heer in zwei Pelotone, die den Granikos überschreiten, d. h. die Tanzenden springenhoch. In der Folge kämpfen die beiden Riegen gegeneinander. Der Tanz" artet meist ineine wirkliche Schlacht aus und wird vom Sultan späterhin verboten, weil durchTrunkenheit der Teilnehmer jedesmal 15 bis 20 Tote zu beklagen sind. Der Tanz wirdauch der Makedonische Tanz genannt. Ohne Zweifel handelt es sich um Schwerter-tanz und Scheinkampf, doch sind die mythologischen Auslegungen der Mad. Cheniermit Vorsicht zu behandeln.272

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Der Lanzenritt der giostra auf Heptanesos ist venezianischen Ursprungs. Er istebenso für den venezianischen Freistaat Ragusa( Dubrovnik) ab dem 15. Jahrhundertnachgewiesen 273 wie heute auf der Insel Korčula und in der dalmatinischen Küsten-zone. 274 Es handelt sich um Schaubrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Schaubrauchtum repräsentativer Art, um Darstellung patri-zischen Selbstbewußtseins. Als Institution dem ritterlichen Reitersport des Mittelaltersentsprungen können diese militärischen und paramilitärischen Festaufzüge späterhinauch von Jugendgilden und männerbündischen Gruppen ausgeführt werden( so auf derInsel Korčula). Der figurale Phantomgegner heißt in den meisten Fällen: il moro Glossar ::: zum Glossareintrag  moro, undmeint den Sarazenen. 275 Unter den Kultur- und Machtverhältnissen in den veneziani-schen Insel- und Küstenbesitzungen der Adria und des Mittelmeers erfüllte das Reittur-nier noch andere Funktionen als in der heimatlichen Handels- Republik: Die Demonstra-tion von Prunk und die Prachtentfaltung militärischer Art, die Vorführung martialischerWaffengeschicklichkeit durch die Jugend des venezianischen Provinzadels vor der ver-sammelten Menge der Ansässigen hatte auch deutlich eine machtpolitische und verwal-tungspsychologische Spitze: Die Kette der Aufstände der griechischen Bevölkerung aufHeptanesos und Kreta in der Epoche der venezianischen Oberhoheit reißt nicht ab.

2) Phallisches" Agieren

Der Phallus als Fertilitätssymbol dürfte, wenn man das ethnographische Materialweltweit auch nur einigermaßen überblickt, zu den Grundkonstanten kultischer Manifesta-tionen zu rechnen sein. Als Baustein in der Argumentation für ein rezentes Weiterlebendionysischer oder sonstiger antiker Religionsphänomene im hellenophonen Raum kommtihm aber nur ornamentive Validität zu, denn er gehört zu den basic patterns menschlicherKultur überhaupt. Während die Phallophorien als Prozession mit einem gigantischenZeugungsglied charakteristisch für den Dionysoskult sind, findet man das phallischeAgieren in der Atmosphäre der Ausgelassenheit der, Verkehrten Welt" des rezentenKarnevals eigentlich nur in der altattischen Komödie und im Mimus. Argenti/Rose haben darauf hingewiesen. 276

3) Das Kynomartyrion

Eine eventuelle Erklärung dieses seltsamen und abstoßenden Brauches ist in einengrößeren Zusammenhang zu stellen 277 und mit der speziellen Bedeutung des Hundes und

272 Einen noch viel komplizierteren Prozessionstypus mit Schwertertanz stellt die Ašûrâ-Prozession der Kaukasustürken dar( Lassy, 1916). Zu Schwerttänzen in Konstantinopel auchSchmidt in Gerndt/ Schroubek, 1973: 34 ff.

273 C. Jireček, Reiterspiele im mittelalterlichen Serbien, ASPH XIV, Berlin 1892,72 ff. und XV, 1893, 457 ff.

274 Dazu Kretzenbacher, 1968 b: 16 ff. mit weiterer Literatur. In paneuropäischersynchroner und diachroner Komparation Kretzenbacher, 1966.

275 Auch aus dem venezianisch besetzten Kreta sind derartige Lanzenturniere bekannt( vgl. das xovtaportónqua im Epos Erotokritos" von V. Kornaros, krit. Ausgabe 1915.Literatur dazu bei Manusakas, 1965).

276 1949: 1, 359 f. Bezüglich einer historischen Vermittlung konnten sie auch für Chios keineSpuren ausmachen.

277 Dazu allgemein Kretzenbacher, 1968 a.

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