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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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I. Wetzsteingestalten

Bevor ich die durchwegs männlichen Wetzsteingestalten behandle, möchteich einige Erscheinungen zusammenstellen, die mir zu beweisen scheinen,daß es auch auf dem Gebiet des Wetzsteinglaubens zumindest eine dünneund wahrscheinlich frühe Schicht gegeben hat, die nicht der Welt der Vor-stellung vom geraden Wetzstein- Phallus angehört haben kann. Die Horn-kumpfe und alle ihre gekrümmten Nachfolger haben schon in diese Rich-tung gewiesen. Sie sind aber doch wohl weiblich gedacht gewesen, wogegendie in sie passenden Wetzsteine immer männlich aufgefaßt wurden. Männ-lich, phallisch aber anscheinend im Sinn des männlichen Sichelmondes, wieer bereits bei den männlichen Sichelgestalten behandelt wurde.

Das bisher älteste mir bekannte Zeugnis dafür ist ein sichelförmigerWetzstein aus Maikop, der im Südostwinkel des Kurgans gefunden wurde 849).Er ist ungefähr 28 cm lang und mit einer Durchbohrung, also wohl zumAnhängen, versehen. Die stattliche Länge und die auffällige Krümmung läßtunwillkürlich an die Rippen denken, die der Sage nach im germanischenNorden zum Sensenschärfen herangezogen wurden 850). Ein Anklang an der-artige Gestaltvorstellungen könnte in der Walliser Gerätgewohnheit ent-halten sein, den Wetzstein mit einem Handgriff aus einem Ziegenhorn aus-zustatten, wie dies für Evolena und Ajoie bezeugt ist 851). Vielleicht gehörtauch der eigenartige Sagenzug hierher, der aus dem Pinzgau berichtet wird.Dort wurden angeblich Hexeneisen" gefunden, welche die Form kleinerHufeisen hatten. Ein Sensenstreicher aus einem solchen Hexeneisen, voneinem gewissen Schmied in der Walpurgis- oder Thomasnacht angefertigt,verlieh der damit gestrichenen Sense eine solche Schärfe, daß kein Mäheres dem mit ihr bewaffneten nachzutun vermochte 852). Das bezieht sich alsoauf die oben kurz behandelten Streicheisen, die wie die Messerstreichergerade Schärfgeräte waren. Wenn man Wert darauf legte, daß sie aus einemhufeisenförmigen Eisen umgeschmiedet wurden, so kann dies auf die ehe-inalige Schätzung gekrümmter Geräte hinweisen. Selbstverständlich kommthier der Glaube an das Hexenelement besonders hinzu, auch der Hufeisen-glaube allgemeiner Art wird zu berücksichtigen sein.

Auch solche Spuren gekrümmter Schärfgeräte haben jedenfalls keineAnhaltspunkte für den Glauben an weibliche Schärfgerätgestalten ergeben.Man kann wohl im Gegenteil überall, wo überhaupt ein Wetzsteinglaubeauftritt, von einer männlichen Betonung sprechen. Im geläufigen Bauern-glauben tritt ja der Wetzstein nicht allzu stark hervor, seine Gleichsetzungmit dem Phallus hat sich oben beim Milchdrüsenzauber bereits feststellenlassen 853). Einen der seltenen älteren Belege dafür hat Caspar Schenckfeldbewahrt, dessen 1601 gedruckter Catalogus erzählt, der Wetzstein besitzeverschiedene Heilkräfte: er kühle ab ,,, alopecius ad pilum reducit", er haltedie Brüste der Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrauen zurück und gelte als Vorbeugungsmittel gegendie Kolik 854). In dieser Mischung von rationalen und ausgesprochen volks-gläubigen Meinungen sind auch die geschlechtlichen enthalten, so wenig siebetont sein mögen. Zu dieser älteren schlesischen Bezeugung stellt sich viel-

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