II. HAUPTTEIL
Überleitung
Was sich im ersten Teil dieser Studien für die Ernteschnittgeräte hatherausarbeiten lassen: ihre alt- heilige Geltung, die zutiefst in der Gestalt,das heißt sowohl in den Urbildern dieser wie in den von den menschlichenTrägern immer neu geformten Gestaltungen selbst, wurzelt, das soll nunin diesem II. Teil für die mythischen Träger dieser Geräte ebenfalls nach-gewiesen werden. Seit dem Neolithikum begleiten diese Gerätgestalten, dieSichelfrauen und Sensenmänner, und ihre zahlreichen Variationen und Ver-vielfachungen, die Geräte selbst. Als blasse Schemen halten sie die leuch-tenden Sicheln, die blinkenden Sensen in den Händen. Ihre Namen undMythen wechseln; ihre Beziehung zu den Geräten und deren eigene Gel-tung bleibt erhalten. Es sind im altbäuerlichen Bereich offenbar Urgestalten,Erztypen, die nahe an die mythischen Urmenschen selbst heranreichen, undin manchen Fällen offenbar mit diesen identisch waren. Da steht dann dasErnteschnittgerät als das ausschlaggebende Gerät des göttlichen oder halb-göttlichen Urmenschen vor uns, und seine Gestaltheiligkeit wird begreiflich,weil die kosmischen Beziehungen direkt ausgedrückt werden. In vielen Fäl-len aber, in den ganzen breiten Schichten jüngerer Überlieferung, sind dieseBeziehungen nicht so deutlich, und anstelle einheitlicher mythischer Kon-zeptionen stehen nur die blassen Schatten mit den Namen von Sagen- undLegendenfiguren.
Es sind fast durchwegs anthropomorphe Gestalten, die von den Schnitt-geräten ihr mythisches Dasein borgen. Frühformen mögen sie noch nichtgekannt, sondern den Geräten selbst soviel Leben zugemutet haben, wiespäter einer Sichel- Kornfrau oder einem Schnitter Tod. Solche Frühformensind vielleicht in manchen Schwänken verborgen, welche von der Einführungder Geräte erzählen. So spottet man über die samaitischen Litauer, sie hät-ten einst die Geräte der anderen Völker noch nicht gekannt. Da erblicktensie gelegentlich einen Mann, der ihrem Volk nicht angehörte, und der mitder Sichel Gras schnitt. Als sie sahen, daß das Gras so schnell unter ihremSchnitt dahinsank, hielten sie diese für ein reißendes Tier, das alles nieder-metzle, und flohen davon 473). Ähnliches wird aber auch im österreichischenBurgenland erzählt. In einem Land, das solche Geräte noch nicht kannte,brachte ein Bauer seine Schaufel, seine Schere und schließlich seine Sichelum gutes Geld an. Bei der Sichel ereignete sich aber folgendes: die Bauernhatten die Sichel teuer gekauft und wollten sie nun im Triumph ins Dorftragen. Der Bürgermeister wurde dazu bestimmt, und hing sie sich insGenick. Die scharfe Sichel schnitt ihm den Hals auf. Als die Leute das sahen,verlangten sie, daß über die Sichel Gericht gehalten werde, und sie wurdezu Stockstreichen verurteilt. Die Männer griffen zu Stöcken und Stangenund hieben auf die Sichel los. Einer unter ihnen traf sie auf die aufge-krümmte Spitze. Da sprang sie klafterhoch in die Höhe. Nun meinten dieLeute, die Sichel sei lebendig geworden, und liefen so schnell wie möglich
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