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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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II. Weibliche Sensengestalten

Der stark männlichen Betonung der Sense entsprechend sind weiblicheMythengestalten, welche die Sense führen, ziemlich selten. Wo sie auftreten,scheinen sie noch dazu dem Gesetz der Requisitverschiebung entsprechendeher Nachfolgerinnen älterer Sichelfrauen zu sein, als etwa Sensenfrauenvon Anfang her.

Immerhin gibt es doch mindestens zwei Gruppen von Gestalten, welchedie Sense führen, und zwar eine erste, die man wohl als Schicksalsfrauenbezeichnen muß, und eine zweite, die am ehesten den Todesgestalten zu-zurechnen sein dürften. Wie schon betont, gehören Schicksals- und Todes-gestalten wohl sehr eng zusammen. Doch sind die letzteren immer wiederals Ausprägungen besonderer Glaubensvorstellungen aufzufassen, Vorstel-lungen von stark dämonistischem Charakter. Für diese Unterscheidungspricht auch die räumliche Trennung der beiden Gruppen. Die Schicksals-frauen mit der Sense gehören fast nur dem europäischen Norden und Nord-osten an, die Todes- und Krankheitsfrauen dagegen dem Balkan. Beidemögen also jeweils entweder Sichelfrauen nachgefolgt sein, oder als jüngereSensenfrauenbildungen auftreten, sie gehören sicherlich auch in ihren älterenBildungen nicht zusammen.

Die deutschen Schicksalsgestalten mit der Sense sind sehr selten. Diealtartigste ist vielleicht die, Kinderfrau", an die man auf der Insel Amrumglaubte 836). Dort ist der kleine See Guuskölk, also Gänsekuhle, aus demangeblich die Frauen die Kinder holen. Die, Kinderfrau" will sie aber nichtlassen und schlägt daher mit der Sense um sich, wobei die jeweilige Frau amBein verwundet wird. Das ist also die bedeutsame lokale Variante der Ge-schichte vom Storch, der die Mutter ins Bein beißt. Georg Buschan hat diese,, Kinderfrau" als eine Frau Holle- Gestalt angesprochen, was angesichts derVerbindung zu Geburt und Teich durchaus berechtigt erscheint. Auf diemöglichen Zusammenhänge mit den hessischen Sichelfrauen und mit der ger-manischen Hludana wurde bereits hingewiesen. Die Eigenart, just mit einemSensenhieb abzuwehren, teilt diese Gestalt jedenfalls mit einer sehr ver-wandten, die aber erst in der Dauphiné begegnet 837). Dort befinden sich ver-lassene Bergwerke. Der Berggeist hat seine Schatzkammer verschlossen.,, Eine Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrau im silbernen Kleide, mit goldener Sense bewaffnet, behütetden Eingang." Diese Art der Bewaffnung ist so ungewöhnlich, daß man docham ehesten an eine von auswärts in die Berge der Dauphiné verschlageneMythengestalt denkt. Die mythischen Metalle sind für germanische Schick-salsgestalten jedenfalls charakteristisch. Selbst so späte Erscheinungen wieder Dengelgeist" vom badischen Feldsberg führt noch silbernes Dengel-geschirr und goldene Sense 838). Da es sich wieder um eine höhlenbewachendeGestalt handelt, könnte man sie wie die Amrumer Kinderfrau eine Holle"nennen. Ob die Gestalt eventuell auf germanische Einwanderer, vielleichtauf die Burgunder, zurückgeht, ist noch nicht untersucht, würde mir jedochwahrscheinlich vorkommen.

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