periode den talwärts gezogenen Sennen als„, andere Welt" galt. Das ist aberauch der Himmel, und seine Gestalten sind eben die Sternbilder. Sobald sieim Sommer wieder unsichtbar werden, beginnt die Schnittarbeit der irdi-schen Mäher, und der ewige Kreislauf ebenfalls.
Die Vorstellung ist, wie schon die historischen Zeugnisse erweisen, sehralt. Vermutlich müßten vor allem die Orionmythen gemustert werden, umdie ganze kulturhistorische Tiefe auszuloten. Daß Orion den Sumerern als,, Himmelshirte" galt, kann vielleicht schon hierher gehören 799). Man mußdazu besonders bedenken, daß ,, Hirte" der älteste Königstitel im alten Vor-deren Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient war, und mit dem ,, Himmelshirten" hier also gleichzeitig derUrkönig und Urmensch gemeint sein sollte. Was im Bereich alter Hirten-kultur als Urhirt galt, das mußte im Bereich alter Bauernkultur Urbauersein. Und man denkt unwillkürlich hier wieder an das rumänische Märchenzurück, in dem Gott selbst als alter Bauer auftritt, der mit der hölzernenSense in der Wiese steht und mäht. Das ist ein vom Himmel her projiziertesBild, der Urbauer als Sensenmann. Der Weg von diesem Bild zum finnischenWäinämoinen ist dann zweifellos nicht mehr weit, und in dieser Perspektivemag man dann auch den ersten Lichtstrahl auf die geschichtliche Verbunden-heit dieser ganzen Vorstellung fallen sehen 800). Und in diesem Zusammen-hang ist dann wieder die auffällige Verbreitung in dem breiten Streifen vonden Westalpen bis nach Finnland die wichtigste Erscheinung. Die Konzen-tration im alpenländischen Raum erlaubt den Vergleich mit anderen be-merkenswerten Sensengestalten, besonders mit Tod und Tödin als Mäherund Recherin. Hier wird man also wohl mit etwa gleicher kulturhistorischerAltersstellung zu rechnen haben. Da der west- wie der nordgermanischeRaum ganz wegfallen, wird man dabei wohl kaum an einen„ Kulturkreis"denken, der etwa dem von Bruno Schier aufgestellten nordgermanisch- ost-germanisch- slawischen entsprechen würde, dessen größte crux immer dieAlpenländer darstellten. Es handelt sich eben wohl eher um vorgermanischeZusammenhänge. Mir erscheint dieser Streifen der himmlischen Sensen-gestalten wie ein etwas nach Süden, Osten und Nordosten verbreiterter Be-reich der Sensengestalten des Volksglaubens im allgemeinen, besonders derSensenmänner. Die Aufgabe, nun die geschichtlich- volkskundliche Bedeutungdieses Bereiches in ihrer Gesamtheit zu untersuchen, greift über den Rahmendieser Studien weit hinaus. Aber seine Feststellung selbst kann doch viel-leicht als eines ihrer Ergebnisse gelten.
3. Legendengestalten
Die männlichen Sichelgestalten der Legende waren wenigstens zum Teilan die antiken Mythengestalten anzuschließen. Für die Sensenmänner fälltdies weg, es bleibt wieder nur der keltisch- germanische Norden und desseneventuelle örtliche Unterschichten und Grenzbereiche, wo aus der Heilig-haltung des Schnittgerätes individuelle Heiligengestalten mit dem Attributder Sense hervorgehen konnten. Die Ursprünge der jeweiligen Gestaltungmögen dabei vielfältig sein. Man wird jedenfalls rein erzählerische Kompo-nenten, Namensdeutungen usw. dabei nicht vernachlässigen dürfen. Es gerätda mitunter gar mancher bekannteren Gestalt oft ein Gerät in die Hand,das nicht ihr Attribut ist, und dennoch wenigstens in einer bestimmten Hin-sicht mit ihr zusammen genannt wird. Ich denke da z. B. an einen Schwank
168