I. Männliche Sensengestalten
Die Sichelgestalten erhalten ihr tiefes Relief durch die Bezeugung ver-wandter, ja gleicher Erscheinungen in der Antike. Für die Sensengestaltengibt es im großen ganzen etwas Derartiges nicht. Nicht nur die klassischeAntike, sondern auch das keltische und germanische Altertum scheiden hierso gut wie gänzlich aus. Die kämpferischen Gottergestalten, von denen wirhier noch am ehesten etwas an Attributen wissen, bedienen sich nicht derErnteschnittgeräte, sie leben in der Welt der geraden Waffen, der gestreck-ten Kurz- und Langschwerter, der Speere. Dementsprechend führen nurjüngere Glaubensgestalten unsere Geräte, und ein sehr großer Teil von ihnenmag sich wohl auf Anregungen aus der Antike, sowohl der mittelmeerischenwie der östlichen, zurückführen lassen. Insbesondere ist die auffälligsteGestalt der ganzen Gruppe der Sensenmänner der Schnitter Tod, eine Er-scheinung, die nicht aus einer einheitlichen Überlieferung, sondern wohl auseiner zeitlich bedingten Verschmelzung verschiedener Züge entstanden seindürfte.
Wenn man sich nach der Gerätegeltung der Sense orientieren will, sofällt jedenfalls die sehr starke männliche Zuordnung auf. Die Sense ist dasArbeitsgerät des Mannes, vor allem das Schnittgerät bei der Heuarbeit, unddementsprechend gilt sie auch als sein Vertreter. Es ist sehr bezeichnend, daftsie sogar als ausgesprochenes Geschlechtssinnbild verwendet wird. In derLausitz hängt man das Taufhemd manchmal bei einem Knaben an eineSense, bei einem Mädchen an einen Spinnrocken 716). Was also im adeligenBereich für das Schwert gilt, wird hier im bäuerlichen auf die Sense über-tragen. Es ist klar, daß mit dieser arbeitsbedingten Zuordnung eine großeZahl von Beziehungen wegfällt, welche den Schnittgeräten sonst zukommen:die meisten lunaren Fäden werden damit wohl abgeschnitten. Freilich blei-ben immer noch restliche übrig, da es sich ja bei vielen dieser Gestaltennicht um solche handelt, die mit der Sense aufgekommen wären, sondern umältere, die vor dem Anwachsen der Bedeutung der Sense eben die Sichelgeführt hatten. Wenn sie nun die Sense weisen, dann ist dies ein Akt der,, Requisitverschiebung", wie er sich in der Sagenüberlieferung mit einer ge-wissen Gesetzmäßigkeit immer wieder nachweisen läßt. Gerade durch dieseRequisitverschiebung kann aber ein beträchtlicher Teil der Glaubensvor-stellungen vom älteren auf das jüngere Requisit übertragen werden.
Neben diesen Zügen spielen einige andere auch eine nicht unbeträcht-liche Rolle. So scheint mir bei der Sense die Geltung des Eisens im Volks-glauben stärker hervorzutreten. Das Eisen, als jüngstes der alten Gebrauchs-metalle, zeigt auch hier seine besondere bannende Kraft 717). Die Sensen-klingen, die im Glauben eine so beträchtliche Rolle spielen, verleihen auchGestalten, die sie führen, eine eigene Bedeutsamkeit. So verstehe ich bei-spielsweise die eigentümlichen Strohmaskengestalten, die in Ostrau im Be-zirk Tachau in Westböhmen früher am hl. Abend umgingen 718). Die Knechtebanden sich da in Stroh ein und gingen mit zwei Sensenklingen in der Handherum, um die Kinder zur Folgsamkeit zu mahnen. Das sind also Ernte-
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