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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
Entstehung
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frau im Himmel und auf Erden. Jede einzelne Ausformung dieser Grund-gestalt, die wir in Sage, Brauch und Legende begegnen, ist nur das jeweilseben erfaẞte Bild einer ihrer vielen Seiten.

1. Mythengestalten

Die erste weibliche Sichelgestalt, der wir in der Schwellenzeit zwischenUr- und Frühgeschichte begegnen, ist die Göttin Anat, im 2. Jahrtausend inPhönizien, vor allem in Ras- Schamra, also zwischen Byblos und Antiochia 622).In dieser vielschichtigen Kultur zwischen 2000 und 1100 a. Ch., die vermut-lich nicht semitisch, sondern altvorderasiatisch war, lebte ein komplizierterGöttermythos, der sich bei Vereinfachung des erzählerischen Rankenwerksals komplizierte Kornerntegeschichte herausstellt. Für diesen Mythos gibtes zwei Götterdynastien: einmal die des El, von dem Mot abstammt, unddann die des Baal, der mit Ascherat vermählt ist; von ihnen stammt Baal-Alein, der wieder der Gatte der Anat ist. Der stierartige Baal nun stirbtzur Sommerszeit durch Mot, der also als Todesgott gilt. Anat opfert für ihnsechsmal siebzig Tiere, und zwar Büffel, Ochsen, Schafe, Hirsche, Steinböckeund Esel, und greift mit ihren Hunden Mot an: ,, Sie schnitt ihn mit ihrerSichel 622a), schlug ihn mit einem Flegel, röstete ihn im Feuer, zermalmte ihnin einer Mühle, zerstreute ihn auf die Gefilde, um seinen Teig sein Fleisch- zu essen." Der Tod des Mot gab dem Baal- Alein neues Leben. Der späterhinso geläufige Mythos vom getöteten und wiedererstandenen Gott, der geradein Vorderasien in den Attis- und Adonismythen so kräftig lebte, und derzur Grundlage des Christusglaubens wurde, ist hier in einem nicht sehrklaren, offenbar eben auch schon mehrschichtigen Kornmythos deutlichgenug dargestellt. Deutlich weniger für sein Abstammungs- und Todesver-hältnis, als für die Geschichte der Kornernte und Brotgewinnung durch Anat,die Sichelgöttin. Merkwürdig ist, daß der stierhafte Baal- Alein stirbt, undzur Wiedergewinnung seines Lebens der ihn tötende Mot durch Baals GattinAnat sterben muß. Falls man Mot, diesen Todesgott, als die verbrennendeSommersonne auffaßt, dann ist die Verwertung seines Leichnams zu Kornund Brot nicht klar. Er muß doch der Korn-, allgemeiner vielleicht derpflanzliche Fruchtbarkeitsgott sein. Als solcher könnte er in einem kultur-historischen Gegensatz zu dem tierischen Fruchtbarkeitsgott Baal stehen,woraus sich für die beiden Dynastien El und Baal sehr eigenartige Perspek-tiven ergeben würden. Anat aber ist jedenfalls Herrin der zahmen und derwilden Tiere, die sie zu opfern vermag, und gleichzeitig Kulturheros derKorn- und Brotgewinnung. Sie ist die göttliche Trägerin des Gerätes, mitdem sie dies alles bewerkstelligt, eben der Sichel. Es geht wohl nicht ein-deutig aus dem Mythos hervor, ob sie auch die Tiere mit der Sichel schlachtet.Das Korn schneidet sie jedenfalls damit, das heißt sie ist für diese Handlungdie Sichel selbst. Es wird wohl erlaubt sein, nach ihren Parallelen sie auchals Sichelmond aufzufassen, doch mag man angesichts der hettitischenParallelen zum Kronosmythos immerhin berücksichtigen, daß dies nichtausgesprochen wird. Die beiden männlichen Gestalten dieser Mythen könn-ten lunarmythologisch als Vollmond der helle Baal- Alein- und Dunkel-mond Mot anzusprechen sein. Aber das soll im Rahmen dieser Studiennicht weiter ausgeführt werden.

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Ein Seitenblick aus dieser Mythenwelt in die ganze künftige religiöseEntfaltung im östlichen Mittelmeer zeigt, daß wir hier bei der frühesten

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