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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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III. Weibliche Sichelgestalten

Schon beim Sichelglauben hat sich feststellen lassen, daß dieses Schnitt-gerät vielfach als eminent weiblich angesehen wird. Die Verwendung derSichel durch Frauen, die streckenweise das Bild des Kornschnittes völligbeherrscht und in älterer Zeit noch weit mehr bestimmt hat, muß zumindestdazu beigetragen haben, die Sichel weiblichen Gestalten beizugeben, undauf bestimmten Stufen der Identifikation Sichel und Frau einander gleich-zusetzen. In Zeiten und Zonen der Mondmythologie geht die Gleichung nichtdirekt vor sich, sondern über die in diesem Fall als weiblich gedachte Mond-sichel: bei dem dauernden ,, Geschlechtswechsel" des Mondes eine immerwieder auftretende Erscheinung. Im griechisch- römischen Bereich, wo Seleneund Luna die bevorzugten Mondbezeichnungen und Mondvorstellungen sind,liegt die Vorstellung besonders nahe, hier sind auch Terminfestlegungen aufdie Mondphasen besonders stark mit dem Kornschnittbeginn verknüpft. Dielunare Sichelvorstellung geht hier nicht in der Richtung des männlichenMondes, des Sichelmondes als Samenspender, sondern in die des weiblichen,des in sich aufnehmenden Sichelmondes, des Mondes als Schoß. Die Sichel,als Empfangende, die in sich hineinnimmt, um wieder hervorzubringen, isthier mit dem Mond verselbigt. Diese Vorstellung und Gleichsetzung istzweifellos zur Anthropomorphisierung besonders geeignet, das Auftretenvon Sichelfrauen mit einem deutlichen lunaren Bezug wirkt hier völligselbstverständlich.

In der vorindogermanischen Zeit des östlichen Mittelmeeres ist dieseGestaltbildung schon eindeutig gegeben. Von hier hat sie wohl auf die früheGriechenwelt eingewirkt, wobei sich nicht mehr feststellen läßt, ob derenindogermanische Träger nicht auch bereits eine ähnliche, wenn auch beiweitem einfachere Vorstellung kannten und mitbrachten. Die stark aus-geprägten baltischen und westslavischen Glaubensvorstellungen von Sichel-frauen könnten darauf hindeuten, daß wir schon mit indogermanischenSichelfrauen rechnen müssen. Die Indogermanen Italiens haben sich mitihren Ceresgestalten daran nur in geringem Ausmaß beteiligt, die Keltenund Germanen fast überhaupt nicht. Ausgesprochen lokale Gestalten mögenhier und dort auf alteinheimische Sonderglaubenszüge zurückgehen. Dazugehören vielleicht die hochalpinen Sagenzüge von Saligen Frauen, die gernals Heuerinnen und Schnitterinnen gingen 621), und möglicherweise muẞ manauch die Legende der hl. Notburga als derartige örtliche Bildung verstehen,da sie weit außerhalb des Zusammenhanges der anderen weiblichen Sichel-gestalten steht.

Auch hier haben wir es mit Gestalten zu tun, die einem verhältnismäßigeinfachen bäuerlichen Arbeitsmythos entstammen, der aber durch eine Viel-zahl von Kulturschichten in seinen Ausformungen bestimmt wurde. Lunareund vegetationskultische Züge sind dabei ständig zusammengeflossen, undes scheint mir nicht richtig, sie durch völlige Analyse jemals einseitig be-stimmen zu wollen. Die Sichel selbst, die als weibliche Urgestalt aufgefaßteTöterin und Lebensspenderin, ist im tiefsten Grunde die mythische Sichel-

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