in vielen Fällen scheint das an sich hauptwichtige Zeugnis des ganzen Glau-bens, die Sichel selbst, nur als unwesentliches Attribut, dessen Beigabe dannmehr oder minder als zufällig angesehen wird, wenn man nicht die Paral-lelen und Ergänzungen dazu erkennt.
Die Überlieferungen der ganzen Gruppe werden dadurch noch etwasschwieriger zu erkennen, weil die alten Grundfunktionen der Gestalten,Töten und Zeugen, durch den allgemeineren Gedanken der Fruchtbarkeitüberlagert erscheinen. Gerade die menschengestaltigen Glaubenswesen mitder Sichel in der Hand können, dem europäischen Bauernglauben entspre-chend, als Fruchtbarkeitsgestalten angesprochen werden, und sind es vonMannhardt und seinen Nachfolgern auch geworden. Es scheint mir nun nichtrichtig, die unendlich wertvolle und viele verborgene Zusammenhänge auf-deckende Arbeit Mannhardts dadurch zu entwerten, daß man alle„ Vegeta-tionsdämonie" ableugnet, und sie nur als eine bäuerliche Entartung älterenMondglaubens betrachtet, oder sie überhaupt als eine gelehrte Fehlinter-pretation hinstellt 483). Der Fruchtbarkeitsgedanke ist in dem Lebensfülle-Mythos von Tod und Geburt in regelmäßigem Wechsel, wie er dem Mond-glauben eigen ist, durchaus bereits enthalten. Die bäuerliche Ausdifferenzie-rung, die er gerade durch die Gestaltbeziehung zwischen Mond und mond-gestaltigen Geräten erfahren hat, die hat zweifellos etwa drei Jahrtausendehindurch bestanden und zu gewissen Zeiten wohl alle anderen Beziehungenin den Hintergrund treten lassen. Anderseits hat aber gerade die dauerndeHochschätzung der Lunargestalten im Tierhorn, im Erntegerät usw. dieältere Beziehung bewahrt. Es erscheint daher forschungsgeschichtlich heutewohl erlaubt, beide Richtungen in Verbindung zu bringen, und die Ergeb-nisse Mannhardts neben denen von Siecke und der Wiener Mythologenschulenicht nur gelten zu lassen, sondern in allen ihren positiven Ergebnissen fürsie anzuwenden. Das heißt in diesem Zusammenhang, daß die mythischenSichelmänner Zeuger, Vermehrer, Vernichter, im engeren Bereich himmlisch-irdische Kornmänner, Mäher, Mittagsschrecke, Sommerdarsteller und Todes-verkörperungen gewesen sein können, und ihre lunaren wie ihre bäuerlich-fruchtbarkeitskultischen Wurzeln alle diese Schößlinge gemeinsam treibenkonnten, weil sie zutiefst ja die gleichen waren. Die Ausdifferenzierungensind Ergebnisse der jeweils verschiedenen Kulturschichten, deren Erbströmewiederum da und dort weitere Gestaltungen haben erwachsen lassen, dieohne Rücksicht auf das scheinbar so willkürlich zugeteilte Attribut unver-ständlich wären, von ihm aus gesehen sich jedoch der ganzen Kette als Gliedanschließen lassen.
1. Mythengestalten
Die mythischen Sichelmänner sind zweifellos nirgends einheitlich alsMondvertreter geglaubt oder dargestellt worden. Die Geräte haben in ihrerGestaltheiligkeit für den Glauben gesprochen, und die Gerätträger, diemenschlichen Sichelmänner, sind jeweils in diese Sphäre mehr oder wenigermiteinbezogen worden. Wenn beispielsweise im Schweizer Bezirk Uster derBrauch herrscht, daß der Sichelträger beim Ernteschluß maskiert und be-kränzt wird, und dies als eine Ehre aufzufassen ist 484), dann haben wir hiereinen„ ,, Sichelmann" vor uns, wie er jederzeit mythisiert werden konnte.Damit ist vermutlich auch für die Ursprungslandschaften dieser Gestal-ten zu rechnen. Solche müßten an sich mit den Herkunftslandschaften der
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