I. Männliche Sichelgestalten
alastair
Weit verbreitet und von hoher Altertümlichkeit sind die anthropomor-phen Glaubensgestalten mit der Sichel, die deutlich männlichen Charaktertragen. Bei der hohen Bedeutung, welche die Sichel in historischer Zeit alsArbeitsgerät der Frau besitzt, muten die männlichen Glaubensgestalten be-sonders altartig an. Man wird sie generell durchwegs Zeiten und Ländernzuweisen müssen, in denen die Sense noch nicht zur Geltung gelangte. Dasheißt, daß es sich besonders um das vorindogermanische Europa handelt, imNorden und Westen um das vorkeltische, wohl auch voreisenzeitliche Alt-europa, im Süden und Südosten um das in vorderasiatischen und mediter-ranen Bindungen verharrende Zwischengebiet zwischen Indogermanentumund Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient 480). Aus dieser allgemein urgeschichtlich- geschichtlichen Bestim-mung heraus lassen sich die Sichelmänner der antiken Mythologie verhält-nismäßig gut verstehen. Die Gruppe der Todesgestalten scheint am ehestendem antiken Erbe Osteuropas anzugehören. Die männlichen Sichelheiligenerscheinen schließlich als sporadische Erbstücke oder auch Kontrafakturenzu Glaubensgestalten aus dieser Grundschicht.
In ihrer Gesamtheit lassen sich die männlichen Sichelgestalten nichtzwanglos als das erkennen, was zunächst vom mythologischen Standpunktam verständlichsten scheinen würde, nämlich als zeitlich- örtlich bedingteVariationen einer einzigen Grundgestalt. Man kann wohl der mondmytho-logischen Interpretation Ernst Sieckes zustimmen, welche eine männlicheSichelgestalt als Anthropomorphisierung des Sichelmondes anspricht 481).Schon deren Grundbedeutung jedoch läßt sich nur erschließen, kaum aberjeweils als geglaubt beweisen. Siecke hat den„, männlichen Mond" vor allembei den alten Indern feststellen können, wo schon Hillebrandt den Mondals„, retodha", als ,, Samenträger" in vedischer Zeit angesprochen hat 482). DerSichelmond als Zeugungsglied des Himmels gewissermaßen, von dem mitkalendarischer Regelmäßigkeit die Befruchtung aller weiblichen Tiere undMenschen ausgeht, das kann wohl als das faßbare Urbild der männlichenSichelgestalten gelten. Nur schiebt sich zwischen den Sichelmond als Him-melskörper und sein gestaltheiliges irdisches Gegenstück, die Sichel selbst,der Glaube an das Gerät ein. So sehr in ihm noch immer das zeugendePrinzip gesehen wird, so haftet doch das andere, das tötende, zerschneidendemindestens ebenso stark daran. Wie der Mond in Beziehung zum Tod undzum Leben nach dem irdischen Tod gesehen wird, so ist dies bei der Sichelmindestens ebenso stark der Fall. Und wie aller Mondglaube daher etwasAmbivalentes an sich hat, so auch der Sichelglaube, und besonders die Vor-stellung von den Sichelgestalten. Sie sind die großen Urzeuger, sie könnenaber auch gleichzeitig die großen Urtöter sein. Vielleicht darf man die Be-ziehung sogar in vielen Fällen als umgekehrt annehmen: vor der neuenZeugung stand der Tod. Auch dies ein weltweit bekannter lunarer Glaubens-zug, aber für den Bereich des Sichelglaubens besonders charakteristisch. Aufdie Glaubensgestalten angewendet heißt dies, daß sie selbst als Töter oderVernichter ebenso angesehen wurden wie als Erwecker und Neubeleber, unddaß sie selbst gleichfalls dieses Schicksal teilten oder doch teilen konnten.Die uns bekannten Mythen und Legenden spiegeln aus dieser Beziehungsfüllejeweils nur ein Stück. Je erstarrter der betreffende Glaube zur Zeit seinerschriftlichen oder bildlichen Fixierung war, desto kleiner ist das Stück, und
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