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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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sich dadurch irgendeine zeitliche Begrenzung feststellen ließe. Man wird aberimmerhin an die anderen Gefäße des frühen Mittelalters denken müssen, diegleichfalls aus Rinderhörnern gefertigt waren und von denen die Trink-hörner bis weit in die urgeschichtlichen Perioden des Nordens zurück-reichen 355), wogegen etwa die Tintenhörner der schreibenden Mönche 356) aufden geringeren Zeitraum zwischen Christianisierung und Spätmittelalter zu-sammenzudrängen sein dürften. Rein gerätemäßig ist dabei wesentlich, daßdiese Rinderhörner als Wetzsteinbehälter, vor allem als Wassergefäße auf-gefaßt wurden. Schon die Inschrift von Strøm spricht nur davon: ,, Es netzeden Stein das Horn!" Das Horn als Wetzsteinbehälter ist also nicht nurTragegerät, sondern selber als Gerät bedeutsam, wirksam, weil mit dem denStein netzenden, arbeitstauglich machenden Wasser erfüllt. Unter diesenUmständen muß auf die mögliche Dynamik des Gerätes doch mehr Wertgelegt werden: es kann sein, daß das Horn nicht nur als Wasserbehälter fürwichtig erachtet wurde, sondern auch als Horn selbst, das heißt um seinerHorngestalt wegen. Der Wetzstein schärft ein krummes Schnittgerät: er holtseinerseits die Kraft dazu aus dem krummen Horn. Das würde dem Gestalt-sinn dieser Geräte entsprechen, ganz parallel dem der Sensenscheide, ebensodem des Dengelhammers von gerundeter Gestalt. Der Kraftverlust des ge-krümmten Schnittgerätes muß wettgemacht werden. Der Ersatz erfolgt aufdem Weg über die geraden, männlichen Wetzsteine und Wetzhölzer wiederdurch die gekrümmten, sagen wir also: weiblichen Gefäßgeräte, Scheide undKumpf.

Nun liegt das wasserdichte Horn als leichtes Tragegerät zweifellos auchdem rein zweckhaften Denken sehr nahe. Die europäische Verbreitungspricht zunächst für keine andere als eine rein praktische Ableitung desHornkumpfes. So wenig Aufzeichnungen auch darüber vorliegen, so ergibtsich doch eine sehr weite Streuung des Wetzsteinbehälters aus Rinderhornauch in der Gegenwart 357). Es handelt sich dabei vielfach um Kuhhörner,mitunter aber bezeugtermaßen auch um Ochsenhörner. Vom Osten nach demWesten her läßt sich im ungarischen Tiefland feststellen, daß der Wetzstein-behälter meist aus Horn ist 358). In der Gegend um den Plattensee in West-ungarn ist der tokmany", der Wetzsteinkumpf, meist aus Holz oder Hornverfertigt 359). Ähnlich steht es in den angrenzenden österreichischen Ländern.In Steiermark war er meist aus Ochsenhorn, doch hat Leopold Bein auch denKumpf aus Holz festgestellt 360). In Niederösterreich ist heute noch der Wetz-steinbehälter aus Horn zu sehen. Im Viertel unter dem Wienerwald habe ichihn in den letzten Jahren beispielsweise in Brunn am Gebirge beobachtet 361).Im Viertel ober dem Wienerwald ist er unter anderem in Göstling an derYbbs aufgenommen worden 362). Im Waldviertel ist er vor wenigen Jahrenliterarisch festgehalten worden. Imma Bodmershof schreibt in ihrem aufgenauer örtlicher Beobachtung beruhenden Waldviertler Roman Die Rossedes Urban Roithner: Die Sense war stumpf geworden, er hatte vergessen,sie zwischendurch zu schleifen. Jetzt zog er den Wetzstein aus dem Horn, daser an seiner Hüfte trug, und schärfte die Schneide sorgfältig 363)." Auch inden anderen österreichischen Ländern tritt neben hölzernen Kumpfen immerwieder der Wetzsteinbehälter aus Horn auf. Im nahen Nordosten kennt dieSlowakei den Hornkumpf ebenfalls neben dem Holzkumpf. So hat RudolfBednarik einen mit hübschen Ritzgravierungen verzierten Hornkumpf ausH. Vadicov festgehalten 364).

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