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Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos : Studien zu den Ernteschnittgeräten und ihrer Stellung im europäischen Volksglauben und Volksbrauch ; [Karl Spiess zum 70. Geburtstag]
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I. HAUPTTEIL

A. Zur Geltung von Sichel und Sense im Glauben und Brauch

In einem rumänischen Märchen aus dem mittleren Harbachtale gehenBrüder aus, ihre Schwester zu suchen. Der älteste kommt dabei auf eineschöne Wiese. ,, Auf dieser mähte ein alter Mann mit einer hölzernen Sense.Dieser alte Großvater war Gott, nur wußte es niemand" 16). Das ist also diemythische Vorstellung eines europäischen Bauernvolkes: Gottvater selbstals alter Bauer, selbstverständlich bei der bezeichnenden Tätigkeit des Mä-hens, und das Schnittgerät in der Hand. Es ist aber ein seltsames, ein ge-radezu unmöglich erscheinendes Gerät, eine hölzerne Sense. Die mythischeGestalt mit dem unwirklichen Gerät, dem Gerät der anderen Welt, das esnur geben kann, weil der mythendenkende bäuerliche Mensch ganz in seinemwirklichen Schnittgerät, der Sense dieser Welt denkt, das ist der Bereich,der in diesen Untersuchungen ausgeschritten werden soll. Schnittgerät undSchnitter, wie sie aus den Bezügen der Wirklichkeit in die des Geistes undder Seele hinüberreichen.

Denn keines der Ernteschnittgeräte ist allein aus seinem realen Daseinund seinem profanen Wirken und Gehandhabtwerden allein heraus ent-standen und lebendig geblieben. Es haben vielmehr die stärksten geistigenund seelischen Kräfte und deren tausendfältige Überlieferungen ständig anihnen mitgeschaffen. Das Zentrum dieser Kräfte und ihrer Überlieferungenbildet der Glaube an die Heiligkeit der Gestalt der Geräte. Um dieses Kern-stück des Volksglaubens herausarbeiten zu können, muß zunächst die Gel-tung der Ernteschnittgeräte in den geläufigen Bezirken des Volksglaubensund des Volksbrauches überblickt werden. Einem derartigen, niemals voll-ständigen Überblick stellt sich allerdings die Tatsache in den Weg, daß dievolkskundliche Sachforschung meistens auf die glaubens- und brauchmäßigeBindung ihrer Objekte nur sehr geringes Interesse gewendet hat. Währenddie ältere Forschung, vor allem Wilhelm Mannhardt, in begreiflicher Ein-seitigkeit die mythische Bindung der Geräte in den Vordergrund stellte,wenn auch nur mit ganz geringer Berücksichtigung der Vielfalt der Geräteselbst und ihrer so aufschlußreichen Behelfsgeräte, hat sich die jüngere Sach-forschung die längste Zeit davon überhaupt abgewandt. Zumindest für dieErnteschnittgeräte wurden brauchmäßige Bindungen womöglich geradezuabgelehnt. Nur Ansätze zu einer derartigen Betrachtungsweise werden inden Artikeln des Handwörterbuches des deutschen Aberglaubens spürbar,dessen Bedeutung an sich unbestreitbar groß bleibt, das aber doch sehr starkdie religionswissenschaftliche Einstellung der Dreißigerjahre unseres Jahr-hunderts spiegelt. So ergeben die dort dargebotenen Übersichten von ArthurHaberlandt über die Volksglaubensbeziehungen der Sichel und der Senseweder viel Material noch auch tiefere Einsichten; als erste Materialzusammen-stellungen bleiben sie aber selbstverständlich dankenswert 17). Die magischenGrundprinzipien, welche eben den größten Teil der Artikel des Handwörter-buches beherrschen, färben auch hier das Erscheinungsbild sehr einseitig.

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