Ekkehard Schönwiese
von ,, Hörer- und Sehergemeinschaften“, meinen aber in ihrem Quotenfeti-schismus die Masse, die sich als Gemeinschaft nur in den Erfolgstabellenvon TV- Anstalten darstellt. Die einzig nachhaltige gruppendynamischeWirkung besteht in der Förderung von Vereinzelung im Senderadius.Der Marktanteil bestimmt den Wert von Werbeeinschaltungen. Mit einerschnell zu produzierenden Unterhaltungsware sollen möglichst viele Zu-seher daran gehindert werden, auf andere Programme umzusteigen. DieEinschaltquote wird durch Ausschaltung differenzierter Inhalte erreicht.Mit der Masse verliert Kultur so weit an Gewicht, bis sie sich schließlichaufhebt. Der vereinzelte Konsument ist wieder reif zum Entschweben indie ,, Volksgemeinschaft“.
Ist diesem Horrorbild nichts Positives entgegenzuhalten? Doch, dieSitCom hat einen Grad an Künstlichkeit erreicht, die sie längst zum kri-tischen Medium über die virtuelle Welt gemacht hat, und durch die siezum Spiegelbild der Realität kippt. Auch der SitCom ist die Möglichkeitzur Tendenzumkehr immanent. Der Effekt stellt sich allerdings nur beimBekennen zur virtuellen Dramaturgie( rasche Schnitte, simultane Ebenenetc.) ein und nicht im Abfilmen der Bühnen- SitCom.
Das„, ländliche Lustspiel“( bzw. Bauernkomödie) ist die Entsprechungder virtuellen SitCom auf der Bühne vor Zuschauern. Es zeichnet sichunrühmlich durch faschistoide Tendenzen aus und macht sich über dieländliche Bevölkerung respektive die Bauern lustig.
Bei einer Generalversammlung des Landesverbandes Tiroler Volksbühnenstand mitten in einer Diskussion um ländliche Lustspiele plötzlich einerder Funktionäre auf und sagte:„ Überall wird Bauerntheater gespielt. Aberwenn ich in die Runde schaue, bin ich, glaube ich, der einzige Bauer"( Stefan Ritter, Bezirksobmann Kitzbühel bei einer Vorstandssitzung. Lan-desverband Tiroler Volksbühnen.( Jahreshaupt- versammlung 1997). DasVolksschauspiel der vom bäuerlichen Denken geprägten Gesellschaft isttot, es blüht dagegen die Bauern- Nostalgie. Das Spiel wird zum Ersatz fürRealität und das nicht für die Betroffenen, die im Spiel das Versinken derWelt ihrer Vorfahren gleichsam weg- lachen, sondern für die, die den Prozeßdes Versinkens nicht wahr haben wollen.„ Die Touristen erwarten von unsperfekte Inszenierungen“ erzählte mir unlängst die Besitzerin eines großenZillertaler Hotels.„ Wir verleugnen, Figuren aus der„ Piefke- Saga' zu sein,weil wir solche Figuren geworden sind. Unser Leben hier ist gespielt. Ichbin froh, wenn die Saison zu Ende ist und wir wieder ein ernstes Stückspielen. Das brauche ich, um das alles hier auszuhalten zu können.“ Siehat damit gut beschrieben, daß erst der Verlust des Spielbewußtseins eineBedrohung wäre, und daß das Dorftheater dieses Bewußtsein wach hält,
402