Helga Maria Wolf
Vom Heiligenbild zum Fernsehprediger
Frömmigkeitsforschung
Das Wissen um die Zeitgebundenheit von Deutung und Erkenntnis zähltzu den Tugenden der Europäischen Ethnologie, die sich nicht mit demRückblick auf vermeintlich abgeschlossene historische Welten und Pro-zesse begnügen will( Kaschuba 1999, 12, 15). Auch Religiositätsforschungkann sich ihrem Thema nur mit dem Spiegel des Zeitgeistes nähern.Um die erste Jahrtausendwende( und noch lange danach) gemahnte die,, Predigt von den Wänden“ an den Jüngsten Tag: Düstere Gestalten undgoldglänzenden Gloriolen, duldende Märtyrer und ehrwürdige Madonnen,Verdammte in den Höllenqualen und der alles überblickende, segnendePantokrator Sogar heutige Touristen in den byzantinischen KapellenGriechenlands oder Zyperns können sich ihrer Wirkung schwer entzie-hen. Diese Bilder sind heilig, fotografieren ist verboten. Noch viel mehrmüssen die Fresken und Ikonen die Menschen in ihrer Entstehungszeitbeeindruckt haben, Gläubige, deren Augen das Allerheiligste entzogenwar, die Gottesdiensten in dunklen Andachtsräumen beiwohnten, vonWeihrauchschwaden umweht, in meditative Gesänge gehüllt. Ein Bildsagt mehr als tausend Worte. Jahrhundertelang konnte die Predigt von denWänden in der Ostkirche wie im Westen ihre Wirkung ungestört entfalten,die Menschen kannten kaum anderes.
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Um die zweite Jahrtausendwende haben die großen Religionsgemein-schaften in Europa Konkurrenz bekommen. Pluralismus und Globali-sierung, Esoterik und pagane Kulte relativieren den Absolutheitsan-spruch des Christentums. Viele Menschen haben Kontakt zu anderenKulturen. Sie nehmen sich daraus, was ihnen im Moment brauchbarerscheint und mischen es zu ihrer persönlichen Spiritualität, von„ Reli-gion auf Zeit“ ist die Rede. Christliches werde aber wohl bei Rites despassage weiterhin eine Rolle spielen, meinte der Leiter des BayreutherInstituts für Gegenwartskultur Christoph Bochinger im April 1999 ineinem Gespräch mit der deutschen Presseagentur. Das( katholische)Reservoir an Ritualen für die„ feierliche Hochzeit“ oder die„ schöneLeich erscheint nahezu unerschöpflich. Kirchenfeste werden mit re-
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