Ekkehard Schönwiese
Vom Volksschauspiel zur SitCom
Kurz bevor ich vor zehn Jahren den Auftrag erhalten hatte, den nachfol-genden Beitrag Vom Volksschauspiel zur SitCom für das nun in Angriffgenommene österreichische Volkskundehandbuch zu schreiben, wurde ichals Landesspielberater zum Mitgestalter und Mitentwickler neuer Formendes Volkstheaters in Tirol. Dadurch hat sich meine Sicht auf das ThemaVom Volksschauspiel zur SitCom“ verändert. Was für mich vor zehnJahren Utopie war, ist zum Teil heute realisiert, manches bleibt Vision.Vor etwa zwanzig Jahren kam es zu Wiedergeburt des seit fünfzig Jahrenvon der Volkskunde beharrlich totgesagten Volksschauspieles. Es ist niewirklich tot gewesen. Aber es wurde nach allen Regeln der Erklärensweg definiert. Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurde eszu fremden Zwecken benützt: zu kulturpolitischen Bekenntnissen, zuGeschäften mit billiger Textware, zum Nachweis, daß das Volksschau-spiel wie alles Echte und Wahre am Aussterben und deshalb unter dieKäseglocke des Aufbewahrens zu stellen sei, um zu allen heiligen Zeiteneinmal Reife und Alter zu prüfen.
Als besonders absurd erlebte ich gute Ratschläge und die Hinweise aufRegeln und Bräuche, mit Hilfe derer angeblich heile Welten heil bleibenkönnten, so als ob wir gerade noch im Zustande der Unschuld lebten undes darauf ankäme, auf spielerische Art die Schuld des Zurücklassens seligerKindlichkeit wegzuzaubern. Als ginge es im Spiel eben nicht gerade um-gekehrt darum, mit dem Zustand verlorener Paradiese leben zu lernen.Das„, Volksspiel" sei volksmäßig in dem Maße, als es sich in der Nähedes Urtümlichen hält, meinte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nochJosef Nadler. Er rang um Sinn und Bedeutung dieser Spielgattung alsOpfer, als Reinigung von Schuld, um zu den Wurzeln, zum„ Urtümlich-Kindhaften“ zurück zu finden, wo das„ Einfache“ und„ Höhere“ zurEinheit verschmelzen.
„ Durch diese Aufopferung wird das Spiel zugleich geweiht[...] der Opferge-danke ist die urtümliche Wurzel der religiösen Haltung des österreichischen
373