Leander Petzoldt
Zur Geschichte der Erzählforschung inÖsterreich¹
Wenn die Kunst des Erzählens selten geworden ist“, schreibt WalterBenjamin ,,, so hat die Verbreitung der Information einen entscheidendenAnteil an diesem Sachverhalt. Jeder Morgen unterrichtet uns über dieNeuigkeiten des Erdkreises, und doch sind wir an merkwürdigen Ge-schichten arm. Das kommt, weil uns keine Begebenheit mehr erreicht,die nicht mit Erklärungen schon durchsetzt wäre. Mit anderen Worten:beinah nichts mehr, was geschieht, kommt der Erzählung, beinahe allesder Information zugute."
Die Armut an merkwürdigen Geschichten, die erzählenswert sind, wirdauf zunehmende Rationalisierung und die Sucht alles zu erklären, unterdem Vorwand zu informieren, zurückgeführt. In einer zunehmend ver-sachlichten Lebenswelt bleibt nur noch wenig Raum für die traditionellenGehalte der Volkserzählung, und die ihnen adäquaten Erzählsituationenwerden durch elektronische Medien ersetzt. Übereinstimmend berichtenSammler und Erzählforscher schon um die Jahrhundertwende, daß Radiound Zeitung, die Massenmedien und die Verkehrserschließung, Pendler,Fremdenverkehr und zuletzt das Fernsehen, den Lebensrhythmus beson-ders dörflicher Gemeinschaften grundlegend verändert haben.
Die Klagen, daß das Erzählen aus unserer Gesellschaft verschwinde, sindso alt wie die Beschäftigung mit dem Vorgang des Erzählens, sie werdengleichermaßen von der Kulturkritik geäußert( Benjamin 1977, 390f.) wievon der Literaturwissenschaft und der Erzählforschung.
Es scheint jedoch, daß man hier differenzieren sollte. Im Aussterben be-
¹ Das Manuskript wurde 1995 fertiggestellt und an die Herausgeber geschickt. Infolge desungewissen Erscheinungstermins wurde es vorab publiziert in: Chr. Schmidt( ed.), HomoNarrans, Fs. Für Siegfried Neumann, Münster, New York 1999, 23-49; sowie in: L. Petzoldt,Tradition im Wandel, Ffm., New York 2002, 161-183.
Die Literaturangaben wurden auf den neuesten Stand gebracht.
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