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Kalendae Januariae.
§ 58. Kein antikes Fest hat auf das Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum der europäischenVölker so stark und nachhaltig eingewirkt wie das Kalendenfest. Trotzeines zwei Jahrtausende währenden Kampfes von seiten der Kirche, der sichin wiederholten Synodsbeschlüssen, in den Fragen der Beichtspiegel, inwetternden Sylvesterpredigten usw. äußert, trotz Drohungen und Umdeutungenist es bis zum heutigen Tage nicht gelungen, Kalendenglauben und Kalenden-brauch vollständig auszurotten.
Ueber den Inhalt der Kalendenfeier sind wir, was das Aeußerlichebetrifft, ziemlich gut unterrichtet: der Festzug und Amtsantritt der neuenWürdenträger, das feierliche Opfer an Jupiter, die erste Senatssitzung usw.werden von antiken Schriftstellern( Ovid, Fast. I 165 ff., Laurentius Lydus,De mensibus; Libanius) bis in alle Einzelheiten geschildert. Aber genaueSchilderungen der privaten Feier in Stadt und Land, welche für die Ent-wicklungsgeschichte der Bräuche ungleich wichtiger und wertvoller wären,sind uns keine hinterlassen. Wir müssen uns diesbezüglich mit unvollständigengelegentlichen Bemerkungen heidnischer Glossar ::: zum Glossareintrag heidnischer und christlicher Schriftsteller sowiemit Rückschlüssen aus späteren Volksbräuchen begnügen, wobei uns aller-dings die Terminologie brauchbare Anhaltspunkte gibt 1.
Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Gegenüberstellung antiker undmoderner Bräuche halte ich es für nützlich, zwei ausfürliche Schilderungenüber das Kalendenfest in Antiochien von Libanius, übersetzt von Bilfinger,wiederzugeben 2.
1. Libanii opera, ed Reiske I 256 ff.:
,, Das Fest der Kalenden wird überall gefeiert, soweit die Grenzen desrömischen Reiches sich erstrecken. Auf diesem weiten Gebiet ist alles inBewegung, alles freut sich, alles ist in gehobener Stimmung. Wäre es möglich,den Lauf der Zeit zu beflügeln: jedes Volk, jede Stadt, jede Familie, jedereinzelne würde die Ankunft des Festes beschleunigen. Ueberall wird dasFest begangen: in allen Tälern, auf allen Hügeln, auf allen Bergen, auf Seenund Flüssen, auf denen Schiffe, von Menschen besetzt, in Bewegung sind.Ja, wenn nicht die Seefahrt auf dem Meere durch die Jahreszeit eine Unter-brechung fände, so würde sich das Schauspiel darbieten, daß Schiffsmannschaftund Kauf leute mitten während der Fahrt auf hoher See sich der Festes-freude hingäben. Ueberall sieht man Trinkgelage und reichbesetzte Tafeln;schwelgerische Ueppigkeit zeigt sich im Hause des Reichen, aber auch imHause des Armen wird etwas Besseres aufgetischt als gewöhnlich. Der Trieb,etwas draufgehen zu lassen, ergreift einen jeden. Wer das ganze Jahr überseine Freude daran gehabt hat, Groschen um Groschen zusammenzusparen,wird jetzt auf einmal verschwenderisch! Wer bisher gewöhnt war, mitmagerer Kost' vorlieb zu nehmen, der läßt sichs jetzt bei dem Feste wohlsein, soweit seine Mittel es ihm erlauben. Und was das Schönste ist: esreut ihn nicht, wenn er es getan hat; er glaubt nur eine Pflicht erfüllt zuhaben. Das Fest selbst will es so, daß man tüchtig ißt und trinkt, und wer
1 Pauly- Wissowa, R. Enc. s. v. Kal. Jan.; Bilfinger, 40 ff; A. Müller, Neu-jahrsfeier; Bünger, Neujahrsfeier; Nilsson, Vorgeschichte, 50 ff.; Radermacher,Beiträge, 86 ff.; F. Schneider, Kal. Januariae et Martiae.- L. lebte imIV. Jh. n. Chr. in Antiochia, Athen und Konstantinopel. Begünstigt von Julianus,tolerant gegen die Christen, Lehrer des hl. Basilius und Chrysostomus. Pauly-Wissowa, R. Enc. s. v. Libanius.